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Der ungarische Volksaufstand 1956


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Verfasst am: 23.10.2008 08:20
waldi
Halbungar
Durchflieger
Themenersteller
Dabei seit: 22.06.2007
Beiträge: 2737
Vorwort


Heute vor 52 Jahren, am 23. Oktober 1956, sorgten demonstrierende Studenten in Ungarn für den Beginn einer Revolution, die zum Sturz eines dem Volk aufgezwungenen Systems führte und in einen Freiheitskampf mündete, der durch Verräter im Verein mit der brutalen Übermacht des russischen Militärs mit Panzern und Bomben erstickt wurde.

Hannah Arendt, eine Jüdin deutscher Herkunft, schreibt in ihrem Buch
"Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus ",
dass "nie zuvor eine Revolution ihre Ziele so schnell, so gründlich und mit so wenig Blutvergießen erreicht hat."

Imre Nagy, der große Hoffnungsträger der Ungarn, von den Revolutionären an die Macht demonstriert, wandelte sich in dieser kurzen Zeit vom moskautreuen Kommunisten zum Verfechter der Interessen des ungarischen Volkes.

Doch als er sein Ziel - ein demokratisches Mehrparteiensystem und echte Unabhängigkeit – vor Augen hatte, traf ihn der Verrat durch János Kádár, und Imre Nagy bezahlte für seinen Traum mit seinem Leben.

Der Volksaufstand 1956 in Ungarn war so sicher nicht geplant, aber er war die logische Folge von jahrelanger Gewaltherrschaft mit Unterdrückung, Folterung und Mord.

Deshalb beginne ich meine Geschichte über die "Oktober-Ereignisse" – so wurde die Revolution während der Kádár-Zeit bezeichnet - mit dem Ende des zweiten Weltkrieges.



waldi winki.gif

Und immer neugierig bleiben!

http://s3.postimage.org/1zvvyhyys/Waldis_Sissi_Seiten_weiss180.jpg

Verfasst am: 23.10.2008 08:22
waldi
Halbungar
Durchflieger
Themenersteller
Dabei seit: 22.06.2007
Beiträge: 2737
1956 Die Vorgeschichte


Nachdem die deutsche Wehrmacht 1944 Ungarn besetzt, den Reichsverweser Miklós Horthy zum Rücktritt gezwungen, und die Macht an die Pfeilkreuzler unter der Führung von Ferenc Szálasi übergeben hatte, sorgte dieser, auf Befehl von Adolf Eichmann und unter Mithilfe von Edmund Veeesenmayer und Otto Winkelmann in den letzten Kriegsmonaten für die Deportation von etwa 76 000 ungarischen Juden in Konzentrationslager.
Die Hungaristen - eine nationalsozialistische Bewegung, ähnlich den deutschen Nazis - tobten bis zum Kriegsende. Viele Juden starben in den letzten Stunden durch Erschießen am Donauufer.
Ferenc Szálasi, der Führer der Nyilaskeresztes Párt wurde dafür und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des zweiten Weltkriegs zusammen mit Gábor Vajna, Károly Beregfy und József Gera am 12. März 1946 in Budapest öffentlich erhängt.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=szlasi_hinrichtung_solo.jpg
Ferenc Szálasi am Galgen

Budapest – von Hitler zur Festung erklärt – wurde von deutschen und ungarischen Truppen zäh verteidigt.
Die Belagerung Budapests dauerte von Weihnachten 1944 bis zum 13. Februar 1945.
Das war mit schrecklichen Zerstörungen und Leiden verbunden.
Alle Brücken Budapests wurden gesprengt, die öffentlichen Gebäude waren schwer beschädigt und etwa 30 000 Wohngebäude waren unbewohnbar geworden.
Die Befreier - die sowjetische Armee - begannen ihrerseits mit Säuberungsaktionen.
Aus dem heutigen Ungarn wurden etwa 150 000 Zivilisten verschleppt.
Mit den ungarischen Kriegsgefangenen gerieten etwa 600 bis 700-tausend ehemalige ungarische Staatsbürger in sowjetische Gefangenschaft.

Die in Ungarn zur Horthy-Zeit verbotene KMP (Kommunisták Magyarországi Pártja = Partei der Kommunisten Ungarns) hielt ihre Parteitage in Russland ab und bildete dort schon vor Kriegsende eine Regierung, die nach der Befreiung Ungarns die Regierungsgeschäfte direkt übernehmen sollte. Schon im Oktober 1944 kamen Ernő Gerő, József Révai, Imre Nagy und Mihaly Farkas - Ungarn die lange im russischen Exil gelebt hatten - ins befreite Szeged um die Lage zu erkunden.

Schon am 17. März 1945 legte der neue Landwirtschaftsminister Imre Nagy den Plan zur Bodenreform vor, deren Ziel es war, "den Jahrhunderte alten Traum der ungarischen arbeitenden Landbevölkerung zu verwirklichen, sie in ihrem uralten Recht zu bestätigen und Grund und Boden zum Besitz zu übergeben".
Die Landverteilung begann am 29. März in Pusztaszer, einem symbolträchtigen Ort. Nach der Geschichtsüberlieferung war hier das erste "Parlament" nach der Landnahme der Ungarn 896 zusammen gekommen. Dies brachte Nagy große Sympathie bei der Landbevölkerung und den Kleinbauern.

Bei den ersten Parlamentswahlen nach Kriegsende 1945 wurde die "Partei der kleinen Landwirte" mit 57% der Stimmen die stärkste politische Kraft.
Die Kommunisten konnten nur 17% erreichen.
Die alliierte Kontrollkommission – das Machtorgan der sowjetischen Besatzer – lehnte aber eine rein bürgerliche Regierung ab.
Sie forderte eine kommunistische Kontrolle von Innenministerium und politischer Polizei.
Mit deren Unterstützung wandten die Kommunisten - angefangen vom politischen Mord bis zur Terrorisierung der Bevölkerung - jedes Mittel an, um in den Besitz der Macht zu kommen.


Auf dem ersten legalen Parteitag der schon 1918 gegründeten "Ungarischen kommunistischen Partei" (Magyar Kommunista Párt, kurz MKP) am 28. September 1946 sprachen die vier Männer, die die ungarische Geschichte über lange Jahre bestimmen sollten.

Als Generalsekretär hielt Mátyás Rákosi die erste Rede über "die innen- und außenpolitische Lage des Landes und die Aufgaben der Partei".

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Rakosi_Matyas.jpg
Mátyás Rákosi


Dann sprach der frühere Landwirtschafts- und Innenminister Imre Nagy über die "blühende Landwirtschaft für eine wohlhabende Bauernschaft".

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=nagyimre_t.jpg
Imre Nagy


Danach redete Rákosis Stellvertreter im Parteiapparat János Kádár über die "Organisationsaufgaben der Partei".

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=janos_kadar.jpg
János Kádár


Als Vierter präsentierte Innenminister László Rajk als Vorsitzender der Nominierungskommission die Liste der Kandidaten für das neue Zentralkomitee.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Rajk.JPG
László Rajk


Schließlich führte die kommunistische Partei im Jahre 1947 die offene totalitäre Diktatur ein.
Bei den vorgezogenen Wahlen erreichte die kommunistische Partei unter der Führung von Innenminister László Rajk, indem sie alle möglichen Varianten von Betrug anwandte, ein Ergebnis von 22%.
Dadurch war der "Baloldali Blokk", der "Linke Block", in der Lage die Regierung zu stellen.
Durch die Vereinigung der MKP mit der sozialdemokratischen Partei zur "MDP" (Magyar Dolgozók Pártja), der "ungarischen Arbeiterpartei", war der Weg frei für die Aufhebung des Privateigentums. Die Industrie, das Unterrichtswesen, die Finanz- und Handelsdienstleistungen und die Kultur wurden verstaatlicht.


Mátyás Rákosi, ein 1904 "magyarisierter" Jude namens "Rosenfeld", war überzeugter Stalinist.
Man bezeichnete ihn als "unser Vater", "unser weiser Führer" und "Stalins bester ungarischer Schüler".
Im Mai 1948 wurde Mátyás Rákosi nach Moskau beordert, wo er von Lawrenti Beria, einem der engsten Mitarbeiter Stalins, die Anordnung erhielt, an der Spitze der ungarischen kommunistischen Partei eine "titoistische Verschwörung" zu entlarven und die potenziellen Titoisten zu beseitigen.
Rákosi und Beria einigten sich auf Rajk als Hauptverschwörer.

Am 29. Mai 1949 war Rajk noch mit seiner Frau bei Rákosi zum Mittagessen eingeladen.
János Kádár, Rajks bester Freund, traf ihn am nächsten Tag zu einem Schachspiel. Nach etwa einer Stunde erklärte Kádár seinem Freund: "Du bist schachmatt!"
Kurze Zeit danach erschien General Gábor Péter, der langjährige Leiter der politischen Polizei (PRO) und des späteren Staatsschutzes (ÁVO, ÁVH) mit seinen Sicherheitsoffizieren bei Rajk um ihn zu verhaften.

Dass Rákosi und Kádár ein ganzes Jahr an den Vorbereitungen zu dieser Festnahme arbeiteten zeigt die hinterlistige und kaltschnäuzige Menschenverachtung dieser Tyrannen.
Rákosi begann somit als erster außerhalb der Sowjetunion mit "Säuberungen".
In gut vorbereiteten Schauprozessen wurden unbeliebte oder störende Politiker, Intellektuelle, Beamte und Journalisten verurteilt, ins Gefängnis oder eines der Internierungslager gesteckt oder hingerichtet. Die Prozesse verliefen alle nach dem gleichen Muster. Die Anklagepunkte waren:
"Verrat an der kommunistischen Sache und der Partei, Spionagetätigkeit für Tito und den Imperialismus, Verschwörung mit dem Ziel eines Umsturzes"!
In den Kellern des Hauptquartiers des Staatsschutzes in der Andrássy u. 60, der Kozma u. 13 oder anderen Gefängnissen wurden viele "Geständnisse" durch Folterungen und sadistische Quälereien erzwungen.

László Rajk wurde am 15.Oktober 1949 hingerichtet.

Von den direkt im Zusammenhang mit dem Rajk-Prozess und den Folgeverfahren verurteilten 93 Personen wurden fünfzehn hingerichtet und elf überlebten die Haft nicht.

Doch dies war erst der Anfang.
Es folgten zum Beispiel das Staatsoberhaupt Szakasits und der Parteichef der "Kleinen Landwirte" Zoltán Tildy. Selbst János Kádár entging später den Säuberungen nicht und wurde ins Gefängnis gesteckt.
Auch viele Kirchenvertreter, an der Spitze der Fürstprimas der ungarischen katholischen Kirche, der Erzbischof von Esztergom József Mindszenty, wurden verhaftet und verurteilt.

Zwischen 1945 und 1956 wurden in mehr als fünfzig Strafverfahren etwa 1500 Personen unter der Anklage der staatsfeindlichen Verschwörung vor Gericht gestellt.
Fast vierhundert davon wurden hingerichtet:
z.B.: Studenten, die Sabotageaktionen organisierten oder Bauern die die Ablieferung nicht erfüllten.


Viele wurden in "Arbeitslager" in der ungarischen Tiefebene deportiert!
In der Nähe von Hortobágy wurden sie z.B. zum Ausheben von Gräben gezwungen, weil man Reis anbauen wollte.
Eine "kopjafa" erinnert im Gebiet des früheren Lagers kónya tanya daran.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=konya_tanya_kopjafa.jpg
kopjafa bei kónya tanya (Bild von motorkami)




Durch das Absinken der Reallöhne um 20% innerhalb von drei Jahren, durch die unerfüllbaren Ablieferungsforderungen an die Bauern und deren Zwangskollektivierung, und durch das verhasste Normensystem und die damit verbundene Ausbeutung der Arbeiter, wurde der Unmut unter der Bevölkerung immer größer.

Nach dem Tod Stalins im März 1953 begann in Moskau die "Entstalinisierung".

Zum 13. Juni 1953 war eine ungarische Delegation – die Mitglieder wurden vom Gastgeber bestimmt – nach Moskau beordert.
Die Erben Stalins – Geheimdienstchef Beria, Ministerpräsident Malenkow, Parteisekretär Chruschtschow und Außenminister Molotow - verurteilten das Vorgehen Rákosis und bestimmten den stellvertretenden Ministerpräsidenten Imre Nagy zu seinem Nachfolger.
Nagy war bereit, unter der Schirmherrschaft Moskaus, in Ungarn einen neuen politischen Kurs einzuschlagen. Er hielt auf einer geschlossenen Sitzung des Zentralkomitees der Partei eine Rede, in der er die bisherigen Verantwortlichen heftig kritisierte und für Fehler und Missstände und viele ungerechtfertigte Verhaftungen und Folterungen verantwortlich machte.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Nagys_Rede_vor_dem_Parlament_53.jpg
Imre Nagys Rede vor dem Parlament


Erst über 30 Jahre später sollte die Bevölkerung vom Inhalt dieser Rede erfahren.
Nagys erste Rede als Ministerpräsident am 4. Juli 1953 schlug wie eine Bombe ein.
Nagy wollte:
die Polizeiwillkür beenden,
die Internierungslager auflösen,
die Deportationen aussetzen,
die Arbeitsnormen senken,
die Zwangskollektivierung der Landwirte einstellen.


Umgehend stieg der Lebensstandard und die Reformen verbesserten die Atmosphäre im ungarischen Volk.
Viele Inhaftierte wurden auf freien Fuß gesetzt und rehabilitiert.
Nagys Sympathie im ungarischen Volk und bei vielen Parteifreunden stieg enorm.

Doch Rákosi und seine alte Mannschaft waren zu stark. Sie nutzten politische Veränderungen in Moskau und einen Herzinfarkt Nagys am 1. Februar 1955 und erreichten die Zustimmung des Kremls zur Absetzung Nagys und dem Ausschluss aus allen parteilichen Gremien.

Als Nagy danach im Bett lag, besuchte ihn Suslow, ein Mitglied des sowjetischen Politbüros, und forderte ihn zur üblichen Selbstkritik auf. Er versprach ihm dafür die Rückkehr an die Macht.
Nagy antwortete: "Genosse Suslow, ich danke Ihnen, dass Sie mich nach vierzigjährigem Kampf in der Arbeiterbewegung >Genosse< nennen. Ich kann leider die letzten anderthalb Jahre nicht widerrufen. Ich habe Unschuldige aus den Gefängnissen entlassen, ich habe die den Bauern gewährte Erlaubnis zur privaten Arbeit unterzeichnet, ich habe mich bemüht, die Konsumgüter zu mehren – eine Reihe von Reformen, die Sie mir vorgeschlagen hatten, die ich für gut befand und die ohne Ausnahme vom Zentralkomitee meiner Partei bestätigt wurden. Es ist mir unmöglich, sie zu verurteilen."
Suslow antwortete: "Schade. Schade für Sie!"

Nagy war zwar politisch kalt gestellt worden, aber er war auch zur Leitfigur der ungarischen Oppositionellen geworden.
An seinem Krankenbett erschienen Géza Losonczy, Sándor Haraszti, Miklós Vásárhely, Miklós Gimes und György Fazekas, um nur die ersten zu nennen, die seinen "neuen Weg" gerne mitgetragen hätten.

Nagys Nachfolger als Regierungschef wurde András Hegedüs.

Nach der historischen Abrechnung Chruschtschows mit Stalin und seiner unmenschlichen Politik in der "Geheimrede" in der Nacht vom 24. auf den 25. Februar 1956, kam es in den osteuropäischen Ländern und in der DDR zu schweren inneren Erschütterungen.
Im März 1956 trafen im Petőfi-Kreis ehemalige Aktivisten des Studentenvereins MEFESZ und des Landesverbandes der Volkskollegien NÉKOSZ zusammen. Die darauf folgende Veranstaltung des Kreises zur jugoslawischen Literatur stieß bereits auf ein wachsendes öffentliches Interesse, da sie als Sympathiebekundung für das jugoslawische Sozialismusmodell und die Ablehnung der Politik Rákosis verstanden wurde.
Der nach dem Revolutionsdichter von 1848, Sándor Petőfi, benannte Diskussionskreis entwickelte sich im Verlauf des Jahres 1956 zum wichtigsten intellektuellen Impulsgeber für die politischen Veränderungen in Ungarn.
Die Ursprünge des öffentlichen Forums reichen bis in das Jahr 1955 zurück, als es zur Gründung des Bessenyei-Kreises kam. Bereits diese Namensgebung war programmatisch: Der ungarische Dichter György Bessenyei hatte sich für die Erneuerung der ungarischen Sprache und Kultur eingesetzt.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Gyrgy_Bessenyei.jpg

Kurze Zeit später wurde der im Umfeld der staatlichen Jugendorganisation DISZ entstandene Diskussionszirkel in Petőfi-Kreis umbenannt.
In diesem Kreis trafen Mitglieder der kommunistischen Partei, aus Politik, Wissenschaft und Kunst, Vertreter der 1948 zurückgedrängten bürgerlichen Elite, sowie Studenten und Wissenschaftler zusammen. Unter der Leitung von Gábor Tánczos, einem Anhänger Nagys und Kritiker Rákosis, fanden ab Anfang 1956 regelmäßige Treffen des Kreises im Budapester Kossuth-Klub statt. Gemeinsam mit Géza Losonczy und Miklós Vásárhelyi organisierte Tánczos Diskussionen, die bislang vernachlässigte und tabuisierte Themen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Ungarns aufgriffen.

Am 17. Juli 1956 wurde das Politbüro der "ungarischen Arbeiterpartei" einberufen. Genosse Rákosi wollte sich eine Liste von etwa 400 zu verhaftenden Opponenten bestätigen lassen. Doch hier zeigte sich die Spaltung der Partei. Sein Vorhaben war vorher bekannt geworden und Imre Mező hatte Moskau informiert.
Anastas Mikojan, ein Vertrauter Chruschtschows, erschien auf der Sitzung und hörte Rákosi zu. Der ungarische Führer sprach von der "von Imre Nagy organisierten offenen Opposition gegen die Partei und die Volksdemokratie" und vom "Petőfi-Kreis".
Mikojan ließ sich von seinem Dolmetscher alles übersetzen und hob die Hand:
"Entschuldigen Sie, Genosse Rákosi, aber Sie sagen, der Petöfi-Kreis setze sich aus Volksfeinden und Konterrevolutionären zusammen… Wir haben erfahren, dass die Leute bei allen Versammlungen die Partei hochleben lassen und am Schluss die Internationale singen. Ich höre zum ersten Mal, dass Konterrevolutionäre dieses Lied anstimmen!"
Rákosi bat um Vertagung und zog sich mit Mikojan zurück.
Mikojan übermittelte ihm die Botschaft Chruschtschows:
"In Anbetracht der ungesetzlichen Maßnahmen, die der Genosse Rákosi vorbereitet, wird ihm angeraten, von allen Funktionen in der ungarischen KP zurückzutreten und außer Landes zu gehen."

Rákosis Anruf bei Chruschtschow über das rote Telefon bestätigte die Aussage Mikojans und Rákosi verließ am nächsten Tag Budapest in Richtung Moskau.

Die Entmachtung Rákosis auf der Sitzung des Zentralkomitees der MDP am 18. Juli 1956 wirkte wie ein politisches Erdbeben.

Die Öffentlichkeit war von der Entfernung des Diktators Rákosi begeistert.
Auch die Rückkehr Kádárs, als zweiter Mann der Partei, wurde begrüßt.
Die Ernennung von Rákosis Nachfolger, Ernő Gerő, einem alten moskauhörigen Mann, führte zwar zu einer kurzen Beruhigung, aber die erwartete Besserung der Situation blieb aus.
Die Hoffnung, dass Imre Nagy wieder ins Politbüro berufen werden würde, blieb ebenfalls unerfüllt.
Nach dem Verschwinden des Diktators Rákosi erreichte die Parteiopposition die Rehabilitierung Rajks und der anderen Opfer der Rákosi-Herrschaft.
Rákosi hatte ja schon am 27. März zugegeben, dass es sich bei den Verfahren gegen László Rajk und den anderen 18 Mitangeklagten, um einen Schauprozess gehandelt hatte.
Jetzt wurde angeordnet, die Leichen der Hingerichteten, die in einem Wald bei Budapest verscharrt worden waren, würdig zu begraben.


Am 6. Oktober, dem symbolträchtigen Tag der Trauer um die 1849 von den Habsburgern hingerichteten dreizehn Generäle der Honvéd-Armee, fand die öffentliche Beisetzung der rehabilitierten Opfer des ersten großen Schauprozesses von László Rajk und seinen Kameraden György Pálffy, Tíbor Szönyi und András Szalay, statt. Schätzungen sprachen von 200 000 Menschen, die im kalten, peitschenden Regen und bei stürmischem Wind ausharrten, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen.

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die Särge von Rajk und seinen Kameraden……Titelseite der "Szabad Nép" vom 6. Oktober 1956

Der große Hoffnungsträger, Imre Nagy, wurde zwar am 13.10. wieder in die Partei aufgenommen, aber politisch passierte nichts.


waldi winki.gif

Und immer neugierig bleiben!

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Verfasst am: 23.10.2008 08:23
waldi
Halbungar
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Beiträge: 2737
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1956 Der Volksaufstand Teil 1



Die Rückkehr Gomulkas - gegen den Willen des Kreml - an die Parteispitze in Polen und die Kämpfe mit vielen Opfern in Posen veranlassten die ungarischen Studenten am 23. Oktober 1956 zu einer Sympathiekundgebung für die traditionell befreundeten Polen.
Die Demonstration wurde über "Kossuth-Radio" um 12:53 Uhr von Innenminister Piros verboten.
Nach einer Besprechung im Innenministerium und Rücksprache mit Partei- und Regierungschef Ernő Gerő, der gerade mit seiner Delegation von einem Besuch in Jugoslawien zurückkam, wurde die Demonstration um 14:23 Uhr über Rundfunk wieder genehmigt.
Um 15:00 begann beim Petőfidenkmal am Platz des 15. März die Sympathiekundgebung von Universitätsstudenten und –lehrern für Polen.

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Demonstration vor dem Petőfi-Denkmal…...Péter Veres vor Petőfi


Ein Student verlas die 14 Punkte des Forderungskatalogs, den die Studenten der Technischen Universität in ihrer Sitzung am Tag zuvor zusammengestellt hatten. Es wurde auch Sándor Petőfis "Talpra magyar" verlesen, das Gedicht, das Petőfi zur Revolution von 1848 geschrieben hatte.

>>> Die 14-Punkte Resolution der Studenten der Budapester Technischen Hochschule vom 22./23.10. 1956 <<<


Dieses Dokument zeigt, dass es 16 Punkte waren!

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Schnell hatten sich etwa 10 000 Menschen angesammelt.
Mit Schildern und Spruchbändern mit politischen Forderungen zogen die Studenten durch die Stadt.

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Am Denkmal des polnischen Generals und Freiheitskämpfers József Bem in Buda – er hatte die ungarischen Revolutionäre von 1848/49 beim Kampf gegen die Habsburger unterstützt - verlas Péter Veres, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, dessen politische Forderungen und verlangte eine schonungslose Offenlegung der Krisensituation des Landes.

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Hier erschienen die ersten ungarischen Fahnen, aus deren Mitte das Emblem mit Hammer, Kornähre und dem roten Stern - Rákosis persönlicher Entwurf - herausgeschnitten waren.

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die ungarische Fahne von 1949 bis 1956


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Fahne aus der das Rákosi-Emblem herausgeschnitten wurde


Die Menge - inzwischen hatte sie sich verdoppelt – zog in Richtung des Parlaments weiter mit dem "Szózat" (Aufruf) auf den Lippen, einem Gedicht von Mihály Vörösmárty, das von Béni Egressy vertont und zur zweiten Nationalhymne der Ungarn geworden war.

>>> Szózat anhören auf mp3 <<<

Am Nachmittag versammelten sich immer mehr Bürger vor dem Parlamentsgebäude.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Panzer_vor_dem_Parlament.jpg


Die Demonstranten verlangten nach Imre Nagy.

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Es wurde ihnen gesagt, dass Nagy kein Amt bekleide und auch nicht im Parlament wäre. Weil sich die Demonstranten nicht beruhigten und weiter den Auftritt von Nagy forderten wurde er von seinen Freunden in der Partei herbeigeholt.
Um etwa 21:00 Uhr versprach er der versammelten Menge, die Forderungen der Bevölkerung in der Partei zu diskutieren und rief zu Ruhe und Ordnung auf.
"Ich begrüße von Herzen die hier Versammelten. Meine ganze Achtung strömt euch jungen demokratischen Ungarn entgegen, die ihr durch eure Begeisterung dazu beitragen möchtet, die Hindernisse zu beseitigen, die sich dem demokratischen Sozialismus in den Weg stellen. Durch Verhandlungen innerhalb der Partei und durch Diskussionen über die Probleme werden wir den Weg beschreiten, der zur Beilegung unserer Konflikte führt. Wir wollen die konstitutionelle Ordnung und Disziplin wahren. Die Regierung wird nicht zögern, ihre Entscheidungen zu treffen."

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Nagy_Parlament.jpg
Imre Nagy auf dem Balkon des Parlaments


>>> Imre Nagys Ansprache auf dem Balkon des Parlaments am 23. Oktober 1956 etwas ausführlicher <<<


Schon gegen 17:00 Uhr vereinigten sich am Nationalmuseum mehrere Demonstrantengruppen um in die Bródy Sándor utca weiterzuziehen. Dort belagerten sie das Funkhaus vom "Magyar Rádio" und forderten die Verlesung ihrer Forderungen im Rundfunk.
Etwa 20:30 Uhr wurde der Polizeichef von Budapest, Sándor Kopácsi, über Schüsse in der Nähe des Blaha Lujza tér informiert.
Auf dem Dach des Gebäudes zwischen dem Nationalmuseum und der Redaktion der Parteizeitung "Szabad Nép" (Freies Volk), in dem eine Polizeiwache untergebracht war, hatte sich eine Gruppe des ÁVH - des Staatsschutzes - positioniert und das Feuer auf die Demonstranten eröffnet. Niemand wurde verletzt und man glaubte den Zwischenfall abgeschlossen.

Die Nachricht aus Polen, Chruschtschow habe Gomulka ein Glückwunschtelegramm zu dessen Machtübernahme geschickt, sorgte für Jubel! Die Russen hatten Gomulka anerkannt. Dann würden sie auch Nagy anerkennen. Es war nur noch eine Frage der Zeit.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse.

Eine motorisierte Einheit des Heeres war in den Kugelhagel am Nationaltheater geraten. Die Soldaten wurden Zeugen der Schüsse vom Dach des Polizeigebäudes und der folgenden Panik. Die Fahrzeuge hielten an und wurden unmittelbar von der verzweifelten Menge umringt. Sie baten um Waffen um sich gegen "die Mörder vom Sicherheitsdienst" wehren zu können. Die Rekruten, die die Grausamkeit des ÁVH kannten, überlegten nicht lange. So wechselten etwa 25 bis 30 Karabiner und ebenso viele Maschinenpistolen den Benutzer.
Kaum 500 Meter entfernt belagerte immer noch eine Menge Leute das Rundfunkgebäude und verlangte die Veröffentlichung ihrer Forderungen.

Doch stattdessen wurde eine Rede des Ministerpräsidenten Ernő Gerő gesendet.
"…Heute ist das Hauptziel der Feinde unseres Volkes, die Macht der Arbeiterklasse zu erschüttern, das Bündnis zwischen Bauern und Arbeitern zu lockern, die Führerschaft der Arbeiterklasse unseres Landes zu unterminieren und ihre Treue zur Partei, zur Ungarischen Arbeiterpartei, ins Wanken zu bringen. Sie bemühen sich, die engen freundschaftlichen Beziehungen zwischen unserer Nation, der Ungarischen Volksrepublik, und anderen Ländern, die den Sozialismus aufbauen, zu lösen, besonders die Beziehungen zwischen unserem Lande und der sozialistischen Sowjetunion…"

>>> Der vollständige Text der Rundfunkrede des Generalsekretärs der ungarischen Arbeiterpartei Ernő Gerő vom 23.10.1956 (deutsch) <<<

>>> Die Rede Gerös im Magyar Rádió <<<

Gerő redete an den Menschen auf der Straße vorbei, ja, er war es mit dieser Rede, der das Fass zum Überlaufen brachte!
Die Wut der Aufständischen war unbeschreiblich.
Der Radiosprecher kündigte nach Gerős Rede "Tanzmusik" an.
Er hatte Recht. Der Tanz begann, aber auf der Straße!

Als gegen 22.30 Uhr Sicherheitsleute am Rundfunkgebäude in der Bródy Sándor utca Schüsse abgaben, gab es innerhalb von kürzester Zeit zahlreiche Tote und Verletzte. Daraufhin belagerten bewaffnete Demonstranten das Gebäude, welche ab Mitternacht Verstärkung von Arbeitern aus den Fabriken bekamen.
Die Soldaten der zur Niederschlagung der Proteste herangezogenen ungarischen Militäreinheiten missachteten die Befehle ihrer Kommandeure und solidarisierten sich mit den Demonstrierenden, denen es gelang Waffen und Munition in Polizeistationen und Kasernen zu erbeuten.


Der wohl bedeutendste Ausdruck der beginnenden Revolution war der Fall der Stalinstatue am Heldenplatz.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=original&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Sztalin.jpg
das Stalin-Monument vor dem Fall


Mit Stahlseilen und Schweißbrennern stürzten die Aufständischen um 21:37 Uhr den Helden der kommunistischen Bewegung. Nur ein riesiges Paar Stiefel blieb auf dem Sockel stehen.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=sztalin_stiefel.jpg


Die Statue wurde im Triumph hinter einem Schlepper durch die Strassen zum Nationaltheater geschleift, wo sie von den Demonstranten bespuckt wurde.
Es war der Öffentlichkeit nicht bekannt, dass die Entfernung der Statue bereits vom Stadtrat beschlossen war. Trotzdem wurden die "Szobrász", die Bildhauer, später dafür bestraft.

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der Rumpf der Stalin-Statue am Blaha Lujza tér


In einer Nachtsitzung des Zentralkomitees der MDP informierte Ernő Gerő die Anwesenden darüber, dass sowjetische Hilfe angefordert worden war.
Gleichzeitig kam es zu umfangreichen personellen Veränderungen an der Parteispitze: auf Vorschlag von Parteichef Gerő wurde Imre Nagy erneut in das Zentralkomitee und in den "Politischen Ausschuss" aufgenommen. Einstimmig wurde er für den Posten des Ministerpräsidenten vorgeschlagen. Nagy nahm das Amt an und der Präsidialrat der Volksrepublik Ungarn bestätigte umgehend seine Ernennung.
In den politischen Ausschuss der Partei wurden weitere Vertreter der Parteiopposition aufgenommen. Insgesamt dominierten jedoch die Vertreter der alten Führung die Parteigremien.
Zur Koordinierung der militärischen Maßnahmen zur Niederschlagung der Unruhen wurde ein Ausschuss, der so genannte "Kriegsrat", unter dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Antal Apró gebildet.

>>> Radio "Freies Europa" am 23. Oktober 1956 <<<

>>> György Dalos über die Demonstration am 23. Oktober 1956 <<<

>>> Paul Lendvai zur Demonstration am 23. Oktober 1956 <<<


In den frühen Morgenstunden des 24. Oktobers erreichten die ersten sowjetischen Truppen mit ihren "Josef-Stalin-Panzern" Budapest.

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russische Panzer in Budapest………an der Pester Auffahrt zur Márgit híd


>>> Information über die Ankunft der Sowjetarmee <<<

Ab 4.00 Uhr besetzten sie strategisch wichtige Punkte in der ungarischen Hauptstadt, stießen jedoch auf den Widerstand der Bevölkerung.
Über den Rundfunk wurde die Bevölkerung zur Ruhe aufgerufen und die Ernennung Nagys zum Ministerpräsidenten bekannt gegeben.

4:30 Uhr:
"Hier ist Radio Kossuth, Budapest.
Guten Morgen, liebe Hörer. Wir beginnen unsere Sendung mit Unterhaltungsmusik.
Statt Musik folgte eine kurze Pause. Dann:
"Liebe Hörer, wir verlesen zunächst eine Verlautbarung des Ministerrates der Ungarischen Volksrepublik:
Faschistische, reaktionäre Elemente haben einen bewaffneten Angriff gegen unsere öffentlichen Gebäude begonnen und auch unsere Streitkräfte angegriffen. Um die Ordnung wiederherzustellen, sind bis auf weiteres alle Versammlungen und Demonstrationen untersagt. Die Streitkräfte sind angewiesen, mit der ganzen Strenge des Gesetzes gegen alle vorzugehen, die dieser Anordnung zuwiderhandeln."

Diese Meldung wurde um 5 Uhr, um 5:30 Uhr und um 6:30 Uhr wiederholt.

6:35 Uhr:
"Liebe Hörer! Wir geben Ihnen eine Mitteilung bekannt: Das Innenministerium der Ungarischen Volksrepublik ersucht die Einwohner von Budapest, sich nicht vor 9 Uhr auf die Straßen zu begeben, sofern nicht zwingende Gründe vorliegen, da die Niederwerfung der plündernden konterrevolutionären Banden noch immer im Gange ist."

8:13 Uhr
"Es folgt eine wichtige Mitteilung:
Auf seiner Sitzung am 24. Oktober 1956 wählte das Zentralkomitee der Ungarischen Arbeiterpartei als neue Mitglieder die Genossen Ferenc Donáth, Géza Losonczy, György Lukács, Ferenc Münnich und Imre Nagy.
Dem neu gebildeten Politbüro gehören jetzt an: die Genossen Antal Apró, Sándor Gáspár, Ernő Gerő, András Hegedüs, János Kádár, Gyula Kállai, Károly Kiss, József Köböl, György Marosán, Imre Nagy und Zoltán Szántó. Stellvertretende Politbüromitglieder sind die Genossen Géza Losonczy und Sándor Rónai.
Das Zentralkomitee bestätigte und bekräftigte die Stellung des Genossen Ernő Gerő als Erster Parteisekretär. Sekretäre des Zentralkomitees sind nunmehr die Genossen Ferenc Donáth, János Kádár und Gyula Kállai.
Das Zentralkomitee beantragte fernerhin, dass das Präsidium der Volksrepublik den Genossen Imre Nagy zum Ministerpräsidenten und den Genossen András Hegedüs zu seinem Stellvertreter ernenne.
Das Zentralkomitee wies das Politbüro an, zur Lösung der Probleme, denen sich Partei und Staat gegenübersehen, eine Resolution zu formulieren.
Achtung! Achtung! Wir wiederholen die Meldung: Imre Nagy wurde zum Ministerpräsidenten ernannt, András Hegedüs zu seinem Ersten Stellvertreter."


Es wurde ein Versammlungs- und Ausgangsverbot angeordnet und das Standrecht verhängt.


Am frühen Morgen eroberten die Aufständischen das belagerte Rundfunkgebäude und hängten am Balkon ein Tuch mit der Aufschrift "Szabad Magyar Rádío" (Freier ungarischer Rundfunk) auf.

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In Budapest stellten die Betriebe ihre Produktion ein, der Verkehr ruhte und der Unterricht in den Schulen wurde abgesetzt.

Auch in weiteren großen Städten marschierten sowjetische Einheiten ein.

In der Parteispitze kam es zu Auseinandersetzungen um das offizielle Hilfsersuchen an die sowjetische Seite. Ein entsprechendes Dokument wurde erst am 27.10. von András Hegedűs unterzeichnet, nachdem sich Nagy geweigert hatte den Brief zu unterschreiben.

Überall in Ungarn kam es zu massiven Protest- und Widerstandsaktionen.
Spontan bildeten sich Arbeiterräte und Revolutionskomitees. Die neuen Machtorgane lösten die stalinistischen Kader in den Betrieben und Verwaltungen ab und begannen mit dem Aufbau einer Nationalgarde.

Zu den zentralen Forderungen der Aufständischen zählten der Abzug der sowjetischen Truppen, die Wiederherstellung der Souveränität Ungarns, die Einführung eines Mehrparteiensystems sowie die Durchführung freier und geheimer Wahlen.

Am Mittag richtete sich Ministerpräsident Imre Nagy in einer Rundfunkansprache an die Bevölkerung Budapests, in der er die Bevölkerung aufforderte die Waffen niederzulegen.

>>> Aufruf von Imre Nagy an die ungarische Bevölkerung zur Einstellung der Kämpfe <<<

Noch am selben Tag traf ohne vorherige Rücksprache mit der ungarischen Parteiführung eine sowjetische Delegation mit dem stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten A.I. Mikojan, dem Vorstandsmitglied des Politbüros M.A. Suslow und dem KGB-Chef I.A. Serow in Budapest ein. Sie sollte die ungarische Führung bei der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung "unterstützen".

In einer Rundfunkansprache um 20:45 Uhr verurteilte János Kádár, Mitglied des ZK-Sekretariats, die Unruhen als einen Angriff "konterrevolutionärer, reaktionärer Elemente".

An diesem Tag meldete sich wiederholt ein "Hauptmann Nemo" beim Polizeichef Kopácsi. Er bezeichnete sich als Anführer einer regulären Heereseinheit und Verfechter der Sache der Revolutionäre. Beim dritten Anruf hatte er eine interessante Neuigkeit. Die zwei wichtigsten Anführer von Revolutionsgruppen, die Brüder Pongrátz, die das Corvin-Kino in ihrer Gewalt hatten und Sándor Angyal, der sein Hauptquartier in der Tűzoltó utca hatte, wollten sich mit ihm treffen. Nach einer Rücksprache mit dem Kriegsrat wurde ein Treffen am nächsten Morgen im Polizeipräsidium vereinbart.

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Gergely Pongrátz………………..Sándor Angyal


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Und immer neugierig bleiben!

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Verfasst am: 23.10.2008 08:25
waldi
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1956 Der Volksaufstand Teil 2



Am 25.10.1956, dem "véres csütörtök" (dem "blutigen Donnerstag") gegen neun Uhr trafen sich, wie vereinbart, die Herren vom Kriegsrat, Kovács und Váradi mit den Vertretern der Aufständischen, den Brüdern Pongrátz und Angyal. Es wurden Informationen ausgetauscht und beide Seiten versuchten zu erfahren, was die andere Seite vorhat. Man trennte sich mit der Absicht, sich bald wieder zu treffen.

Gegen 10 Uhr vormittags gelangte der Demonstrationszug von mehreren tausend unbewaffneten Personen zum Parlamentsgebäude am Kossuth-Lajos-Platz.
Berichte, dass sowjetische Panzersoldaten sich mit den Demonstranten verbrüderten, machten die Runde.
Dies bestätigt der damalige Polizeichef von Budapest Sándor Kopácsi in seinem Buch "Die ungarische Tragödie":
"Drei große Josef –Stalin-Panzer und der Demonstrationszug trafen vor dem Polizeipräsidium aufeinander. Die Panzer stoppten und waren schnell von den Demonstranten umringt. Einige Demonstranten schoben Zettel in die Schießscharten der Panzer. Eine unheimliche Spannung lag über der Szene. Der Text auf den Zetteln war in russisch geschrieben und begann mit den Worten von Marx:
> Ein Volk, dass andere Völker unterdrückt, kann nicht frei sein! <
weiter hieß es unter anderem
> Freunde, schießt nicht auf uns! Weigert Euch, die Rolle von Henkern zu übernehmen! Ihr habt uns geholfen, die faschistische Diktatur zu stürzen, aber jetzt helft Ihr selbst einer Diktatur! Freunde, ihr dient dem roten Imperialismus, keineswegs der Sache des Sozialismus! <
Bange Minuten vergingen bis sich beim vorderen Panzer langsam die Luke öffnete. Der Kommandeur stieg aus dem Turm und stellte sich auf seinen Panzer. Viele Hände streckten sich ihm entgegen. Jugendliche sprangen auf den Panzer. Ein junges Mädchen umarmte den Kommandeur. Die Menge jubelte. Jemand reichte dem Kommandeur eine ungarische Fahne. Einen Augenblick später war die Fahne auf dem Panzer befestigt. Die Ovation wurde frenetisch. Im allgemeinen Jubel flog die Mütze des Kommandeurs in die Menge und jemand setzte ihm das Käppi eines ungarischen Soldaten auf den Kopf.
Die Menge stimmte das Kossuth-Lied an und sang danach die ungarische Nationalhymne."


Der Demonstrationszug – mitten drin die sowjetischen Panzer – bewegte sich weiter in Richtung auf das Parlament.

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russischer Panzer mit Kossuth-Fahne vor dem Parlament


Die Menge schwenkte die ungarische Nationalfahne und rief nach Imre Nagy.
Daraufhin eröffneten Staatssicherheitsleute von den Dachgeschossen der umliegenden Häuser das Feuer auf die Demonstranten. Völlig ohne Deckung war die Menge auf der Esplanade dem Trommelfeuer der auf den Dächern versteckten schweren Maschinengewehre ausgeliefert.

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die Flucht vor den Kugeln des Sicherheitsdienstes


Das Gemetzel hörte erst auf, als die sowjetischen Panzer – es befanden sich etwa 20 davon im Umkreis des Parlaments – ihre Kanonen gegen die Leute des Sicherheitsdienstes einsetzten. Es gab zahlreiche Tote und Verletzte.

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Opfer des ÁVH-Massakers vor dem Parlament


>>> Ein anonymer Augenzeuge berichtet <<<

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Zeitungsartikel zum ÁVH-Massaker


Daraufhin richtete sich der Hass der Aufständischen besonders gegen die ÁVH (Államvédelmi Hatóság), den ungarischen Staatssicherheitsdienst. In den nächsten Tagen kam es wiederholt zu Vergeltungsaktionen und Lynchjustiz.

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Ferenc Tóth, Mitglied der ÁVH


In Budapest bildeten sich überall Kampftruppen und Barrikaden wurden errichtet. Oft standen militante kommunistische Arbeiter an ihrer Spitze.
Eine dieser Gruppen, die in der Gegend des Baross tér kämpfte, stand unter der Führung des 32-jährigen jüdischen Fabrikarbeiters Lászlo Nickelsburg. Er war Mitglied der MDP. Seine gesamte Familie war von den Nazis im Konzentrationslager ermordet worden.
Die größte und wichtigste Kampfgruppe bildete sich in der Corvin köz, unmittelbar gegenüber der Kilianskaserne. Die Kämpfe hier brachen aus, als Offiziere aus der Kaserne versucht hatten, einige der Demonstranten zu verhaften. Dorthin schickte das Verteidigungsministerium Oberst Pál Maléter mit fünf Panzern, um die Kaserne von ihrer Belagerung zu befreien.

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Pál Maléter in der Montur des Panzerkommandanten


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Maléters Panzer im Tor der Kilianskaserne


Er ließ die Gefangenen frei und handelte einen Waffenstillstand aus.
Maléter hatte zunächst versucht, eine Politik der Neutralität zu verfolgen.
Als sich jedoch die sowjetischen Panzer näherten, verteidigte er die Kaserne und ihre Umgebung gegen sie, bis am 28. Oktober ein Waffenstillstand verkündet wurde.

Die Unruhen breiteten sich über das gesamte Land aus. Die Aufständischen forderten den Abzug der sowjetischen Truppen und die Souveränität Ungarns.

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Als Folge des Massakers am Parlament wurde Parteichef Ernő Gerő durch János Kádár abgelöst. Neuer Innenminister wurde Ferenc Münnich.

Ministerpräsident Nagy kündigte am Abend an, dass die ungarische Regierung Verhandlungen über die ungarisch-sowjetischen Beziehungen und den Abzug der sowjetischen Truppen beginnen würde. Diese Ankündigung stieß auf den energischen Protest des sowjetischen Delegationsleiters Mikojan.
Kádár versprach in einer Rundfunkrede, dass nach der Wiederherstellung der Ordnung zwischen Ungarn und der Sowjetunion "Gespräche im Geiste der völligen Gleichberechtigung" stattfinden würden. Die Regierungsumbildung mit Imre Nagy als Ministerpräsident und den Veränderungen an der Parteispitze wurden von den Aufständischen als Sieg gefeiert.


Am 26.10. entstanden überall im Land in Betrieben und Fabriken Arbeiter-, Revolutions- und Nationalräte.
Um 16:13 Uhr wurde ein Manifest der Partei der Ungarischen Werktätigen im Radio verlesen.
Erneut wurde im ungarischen Rundfunk allen Aufständischen, die bis 22.00 Uhr ihre Waffen niederlegten, eine Amnestie in Aussicht gestellt.


Am 27.10. wurde in einer Sitzung des Politischen Ausschusses des MDP im Beisein der sowjetischen Vertreter die Umbildung der ungarischen Regierung beschlossen. Über die Besetzung der Posten kam es zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den Parteiflügeln. Trotz des Widerstands der alten Parteikader öffnete sich die neue Regierung gegenüber der demokratischen Opposition. Über die Inhalte des Regierungsprogramms entbrannten erneut heftige Auseinandersetzungen zwischen den Stalinisten und der Parteiopposition.
Um 11.18 Uhr wurde im Radio die neue Zusammensetzung der Regierung der Ungarischen Volksrepublik vorgestellt.

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Szabad Nép vom 27. Oktober 1956


Am 28.10. wurde die neue Regierung unter Imre Nagy durch den Präsidenten des Präsidialrats der Ungarischen Volksrepublik vereidigt.
Über den Rundfunk ordnete Nagy eine allgemeine Waffenruhe an.
"Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden und eine friedliche Entwicklung der Dinge zu gewährleisten, hat die Regierung der Ungarischen Volksrepublik eine allgemeine sofortige Waffenruhe angeordnet. Den Streitkräften wird der Befehl erteilt, von den Waffen nur dann Gebrauch zu machen, wenn sie angegriffen werden.
Gezeichnet: Imre Nagy, Präsident des Ministerrates"


>>> Um 17:25 Uhr redet Imre Nagy im "Szabad Magyar Rádió", Text (ungarisch) <<<


Am 29.10. erschien in der "Szabad Nép" der Leitartikel:

>>> "Es dämmert…" (deutscher Text) <<<

Darin wurden die neue Politik von Imre Nagy und der beginnende Abzug der sowjetischen Truppen gelobt. Die Zeitung sah die Forderungen des ungarischen Volkes erfüllt und die Voraussetzungen für eine bessere Zukunft als gegeben.

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eine Seite der Szabad Nép vom 29.10.1956


Szabad Nép veröffentlichte das neue offizielle Wappen Ungarns. Aus dem Kossuth-Wappen hatte man die Krone am Fuß des Doppelkreuzes entfernt.

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Eine offizielle Fahne hätte wohl so ausgesehen:

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Montage vom Autor


Am gleichen Tag veröffentlichten die ungarischen Zeitungen – auch "Szabad Nép" – den Aufruf der "PVAP" (Polnische Vereinigte Arbeiterpartei) an die ungarische Nation, der von Gomulka und Ministerpräsident Cyrankiewicz unterschrieben war.
In diesem drückten sie ihr Bedauern über das Blutvergießen und die schweren Zerstörungen in Budapest aus.
Unter anderem hieß es:
"Wir kennen das Programm der ungarischen nationalen Regierung, das Programm der sozialistischen Demokratie, der Erhöhung des Wohlstandes, der Bildung von Arbeiterräten, des Abzugs der sowjetischen Truppen aus Ungarn und der sowjetisch-ungarischen Freundschaft auf der Basis des Lenin'schen Prinzips der Gleichberechtigung.
Es steht uns fern, in Eure inneren Angelegenheiten einzugreifen.
Wir sind aber der Meinung, dass dieses Programm den Interessen des ungarischen Volkes und des gesamten Friedenslagers entspricht.
… Wir stehen beide auf ein und derselben Seite – auf der Seite von Freiheit und Sozialismus.
… Es herrsche Frieden in Ungarn, die Einheit von Frieden und Volk, die Ihr so notwendig habt, um das umfassende Programm der Demokratisierung, des Fortschritts und des Sozialismus, das sich Eure nationale Regierung zum Ziele gesteckt hat, zu verwirklichen."


In der polnischen Stadt Olsztyn fand eine Solidaritätskundgebung mit zehntausend Menschen statt. Der dortige "Platz der Roten Armee" wurde sogar in "Platz der ungarischen Aufständischen" umbenannt!

Die Behörden verhinderten auch nicht die von der polnischen Bevölkerung freiwillig organisierten Hilfsaktionen. Man sammelte Geld, Lebens- und Arzneimittel und Blutspenden für die "ein tragisches Schicksal erleidenden und um ihre Freiheit kämpfenden ungarischen Brüder."
Diese Hilfe war die erste und umfassendste ausländische Unterstützung in den Tagen der ungarischen Revolution.

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in Polen: Spenden sammeln für Ungarn


Am 30.10. beschloss das Präsidium der MDP die Wiederherstellung des Mehrparteiensystems. Die an der Regierungskoalition beteiligten Parteien wurden offiziell zugelassen.
Die sowjetischen Truppen begannen sich zurückzuziehen. Die sowjetische Seite signalisierte, dass sie bereit war, über einen generellen Abzug ihrer Truppen aus Ungarn zu verhandeln.
Zahlreiche Angehörige des ungarischen Staatssicherheitsdienstes, versuchten sich, aus Angst vor weiteren Übergriffen vonseiten der Bevölkerung, in Sicherheit zu bringen.
Am KP-Gebäude am Köztársaság tér fanden erneut Schießereien zwischen ÁVH-Leuten und den Aufständischen statt. Nach der Stürmung des Gebäudes kam es zu Fällen von Lynchjustiz.

Um 14.30 Uhr gab Imre Nagy im Rundfunk die erneute Umbildung der Regierung bekannt.
"Unser Land ist durch die erstarkende Revolution, die mächtige Bewegung der demokratischen Kräfte am Scheideweg angelangt. Die nationale Regierung ist im Einvernehmen mit dem Präsidium der MDP zu einem schicksalsentscheidenden Entschluss gekommen, den ich den Werktätigen Ungarns bekannt geben will. Die Regierung wird die Demokratisierung vorantreiben, das Einparteiensystem beenden und ihre Tätigkeit auf die Grundlage der Zusammenarbeit der 1945 neu entstandenen Koalitionsparteien stellen. Dementsprechend wird innerhalb der Nationalregierung ein engeres Kabinett gebildet. Zu seinen Mitgliedern gehören Imre Nagy, Zoltán Tildy, Béla Kovács, Ferenc Erdei, János Kádár, Géza Losonczy und eine Persönlichkeit, die von der Sozialdemokratischen Partei noch zu nominieren ist.
Die Regierung wird dem Präsidialrat der Volksrepublik den Vorschlag unterbreiten, János Kádár und Géza Losonczy zu Staatsministern zu ernennen."

Am Schluss seiner Rundfunkrede ließ Nagy das "freie, demokratische und unabhängige Ungarn" hochleben.
Das Adjektiv "sozialistisch" kam in der Ansprache nicht mehr vor.
Damit hatte Imre Nagy die am 23. Oktober begonnene Volksbewegung als Legitimationsbasis für sich und seine Regierung benannt. Erst jetzt war der Moment gekommen, in dem die Forderung "Imre Nagy in die Regierung!" tatsächlich in Erfüllung gegangen war, auch wenn Nagy schon vorher Ministerpräsident war. Doch da stand er noch nicht einer Regierung vor, wie sie von der Volksbewegung gefordert wurde, sondern einer kommunistischen.

In der Kilianskaserne, dem Zentrum des Widerstandes, trafen sich die Vertreter der verschiedenen Aufständischengruppen mit dem neuen Verteidigungsminister Pál Maléter um das "Revolutionskomitee der ungarischen Streitkräfte" zu wählen. Auf Vorschlag von Nagy und Maléter wurden Béla Kiraly zum Oberkommandeur der Streitkräfte und Sándor Kopácsi zu seinem Adjutanten gewählt.


Am 31.10. bereits berichtete Radio Miskolc von russischen Truppenbewegungen in Richtung Ungarn und Budapest.

Am gleichen Tag wurde auf Beschluss des Parteipräsidiums die politisch gelähmte MDP aufgelöst. Es kam zur Neugründung der MSZMP (Magyar Szocialista Munkáspárt = Ungarische sozialistische Arbeiterpartei), in deren Exekutivkomitee neben Imre Nagy, György Lukács, Ferenc Donáth, Géza Losonczy, Sándor Kopácsi und János Kádár vertreten waren.

Der seit 26. Dezember 1948 inhaftierte und zu lebenslänglichem Kerker verurteilte Kardinal József Mindszenty wurde freigelassen.

Aus Protest zum erneuten Truppenaufmarsch aus der Sowjetunion und Rumänien übergab um 17:00 Uhr Imre Nagy dem Botschafter der Sowjetunion in Ungarn, Juri Andropow, die Neutralitätserklärung.
János Kádár soll sich gegenüber Andropow ereifert haben:
"Wenn die Sowjettruppen nach Budapest zurückkehren, dann laufe ich auf die Strasse und bekämpfe sie mit den bloßen Händen!"

Wie sich schon einen Tag später herausstellen sollte, hatte er ganz andere Pläne.

Imre Nagy hielt am späten Nachmittag eine spontane Rede vor dem Parlamentsgebäude. Dort hatten sich erneut viele Menschen versammelt, nachdem Gerüchte kursierten, dass in Ostungarn wieder sowjetische Truppen einmarschiert wären.

Nagy sagte unter anderem:

"Der revolutionäre Kampf, dessen Helden ihr seid, ist gewonnen!"

Er beschloss seine Rede mit den Worten:

"Es lebe die ungarische Republik – unabhängig, frei und demokratisch! Es lebe das freie Ungarn!"

>>> Link zur Ansprache von Imre Nagy <<<


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Verfasst am: 23.10.2008 08:27
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1956 Der Volksaufstand Teil 3



Am 01.11. verkündete Nagy im Rundfunk den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt.

19.56 Uhr, Freier Sender Kossuth
Ministerpräsident Imre Nagy hat jetzt das Wort:
"Ungarisches Volk! Die Nationalregierung, erfüllt von tiefem Verantwortungsgefühl gegenüber dem ungarischen Volk und der Geschichte, erklärt die Neutralität der Ungarischen Volksrepublik . . . Der Revolutionskampf, den das ungarische Volk und seine Helden geführt haben, brachte schließlich der Sache unserer Freiheit und Unabhängigkeit den Sieg. Der heldenhafte Kampf hat es möglich gemacht . . ., unser grundlegendes nationales Interesse zu verwirklichen: die Proklamierung der Neutralität. Wir wenden uns an unsere Nachbarn, diese unwiderrufliche Entscheidung unseres Volkes zu respektieren . . . Werktätige Millionen Ungarns, beschützt und stärkt . . . die Konsolidierung der Ordnung in unserem Land - in einem freien, unabhängigen, demokratischen, neutralen Ungarn!"


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Imre Nagy bei einer Radioansprache


Die Entscheidung zum Austritt aus dem Warschauer Pakt und die Neutralitätserklärung der Regierung Nagy sind ohne den massiven Druck der Arbeiterräte nicht verstehbar. Bereits am 25. 10. hatte sich eine Arbeiterdelegation aus dem Bezirk Borsod bei Imre Nagy eingefunden. Symptomatisch für die Haltung der Arbeiterräte der neuen Regierung gegenüber mag die Erklärung vom 26.10. gelten, die das Präsidium des Arbeiterrates von Groß-Miskolc abgab:
"...Das Komitee des Arbeiterrates von Groß-Miskolc und das Parteikomitee haben, unabhängig von der Antwort des Genossen Imre Nagy, auf der Grundlage der Resolution des werktätigen Volkes ... beschlossen, die von ihnen eingebrachten Forderungen so lange aufrechtzuerhalten, bis diese in ihren wesentlichen Punkten erfüllt sind." Diese Forderungen besagten: Unverzüglicher Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn, eine neue ungarische Regierung, Streikrecht, Amnestie für die Teilnehmer des Aufstandes. "Solange diese Forderungen nicht erfüllt sind, wird die Bevölkerung des Regierungsbezirks Borsod sowie von Groß-Miskolc streiken,..."

Einen Tag später , am 26.10., verkündete der Sender Miskolc:
"Der Arbeiterrat des Regierungsbezirks Borsod und der Stadt Miskolc teilt mit, dass er die Bildung der neuen Regierung mit Freude begrüßt, den Streik jedoch fortsetzen wird bis unsere Forderungen, vor allem die nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, erfüllt sind. Der Arbeiterrat vertraut darauf, dass ihr den Streik diszipliniert führt. Haltet aus! Der Sieg ist nahe!"

>>> In einem Interview vom 1.11. bekennt sich János Kádár noch einmal zum "neuen ungarischen Kommunismus" <<<

Der sowjetische Botschafter in Budapest Andropow hatte am 1.11. aus Moskau die Weisung erhalten, zu János Kádár und Ferenc Münnich Kontakt aufzunehmen und ihnen mitzuteilen, dass Chruschtschow und das Präsidium der KPdSU sie in der sowjetischen Hauptstadt erwarteten.
Andropow telefonierte mit Münnich und dieser unterrichtete Kádár. Weitere Einzelheiten ihrer Einladung und ihres Überlaufens sind bis heute nicht bekannt. Sie wurden nach Tököl gebracht und am 2.11. über Uschgorod in getrennten Maschinen nach Moskau gebracht. Bis heute ist auch ungeklärt, womit die Sowjets Kádár für die Bildung einer sowjetisch orientierten Gegenregierung gewinnen konnten.
Andropow organisierte ebenfalls die Flucht von Antal Apró, Károly Kiss, György Marosán und Sándór Nógrádi.

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Kádár bei Chruschtschow


02.11. Das Gerücht, wonach János Kádár geflüchtet und zur sowjetischen Seite übergelaufen wäre, wurde bestätigt.

>>> János Kádár später zu seinem Verrat an Imre Nagy <<<


Am 03.11. sollten die Verhandlungen um den Abzug der sowjetischen Truppen abgeschlossen werden. Dazu begab sich die ungarische Delegation mit Verteidigungsminister Pál Maléter, Staatsminister Ferenc Erdei, Stabschef István Kovács und Oberst Szücs nach Tököl ins sowjetische Generalhauptquartier.

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eines der letzten Bilder mit Tildy, Nagy und Maléter


>>> Am frühen Nachmittag gab der Rundfunk die Bildung einer neuen Regierung – noch mit János Kádár – bekannt. <<<

Inzwischen überschlugen sich die Nachrichten aus dem ganzen Land über die Bewegungen der Invasionstruppen.

Gegen 17 Uhr wurde auf einer Pressekonferenz die letzte Verlautbarung der ungarischen Revolutionsregierung, die man als ihr "Vermächtnis" bezeichnen kann, von Géza Losonczy der internationalen Presse vorgetragen:
…Die Regierung versichert einstimmig, dass sie nichts von den Errungenschaften der letzten zwölf Jahre preisgeben wird: weder die Bodenreform, noch die Verstaatlichung der Fabriken und Betriebe, noch irgendetwas anderes von den sozialen Errungenschaften. Sie steht fest entschlossen dazu, die Errungenschaften der gegenwärtigen Revolution voll und ganz beizubehalten. So die nationale Unabhängigkeit, die Gleichberechtigung und den Aufbau des Sozialismus, der nicht auf einer Diktatur, sondern auf demokratischen Prinzipien gegründet ist…

Nach Mitternacht riss der Kontakt zu Maléter ab. Das sowjetische Hauptquartier war nicht mehr erreichbar. Ein nach Tököl entsandter Parlamentär wurde gefangen genommen.
Von Maléter und seiner Mannschaft hörte man nichts mehr. Sie waren in Tököl vom Vorsitzenden des KGB General Serow verhaftet worden.

Nagy hatte natürlich nicht den "Abschied" im Sinn, vielmehr setzte er seine Bemühungen fort, doch noch den direkten Weg der Verständigung mit Moskau zu finden. Deshalb saß er mit den anderen Funktionären der MSZMP zusammen und verhandelte bis spät in die Nacht hinein mit dem rumänischen Vizeaußenminister Malnaseanu. Er hatte noch immer gehofft, dass es durch die Vermittlung der Rumänen doch möglich sein würde, die sowjetische Staats- und Parteiführung zu unmittelbaren Verhandlungen zu bewegen.
Mitternacht war längst vorbei, als die Sitzung mit Malnaseanu zu Ende ging und Nagy sich im Parlament schlafen legen konnte.


Am 04.11. marschierten in den frühen Morgenstunden fünf sowjetischen Divisionen in die ungarische Hauptstadt ein und begannen den Volksaufstand gewaltsam niederzuschlagen. Die Operation "Vihr" (Wirbelsturm) hatte begonnen!

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russische Panzer, diesmal begleitet von motorisierter Infanterie


Bei Tagesanbruch passierten weitere sowjetische Truppen die rumänisch-ungarische Grenze.
Die Invasionstruppen umfassten ca.100 000 Soldaten und 2500 Panzer. Drei Viertel hiervon wurden allein für den Angriff auf Budapest verwendet.

Im Gegensatz zu den Truppen, die am 24.10. zur "Befriedung" eingesetzt worden waren, kamen diese frischen Divisionen nicht aus Kasernen in Ungarn und hatten vorher keinen Kontakt mit der Bevölkerung gehabt. Entsprechend brutaler war ihr Vorgehen. Wenn irgendwo ein Schuss fiel war die sowjetische Antwort radikal. Dabei nahmen sie auch keine Rücksicht auf Unbewaffnete, Frauen oder Kinder.

Was in diesen Stunden geschah, schilderte Imre Nagy im Sommer 1957 im Verhör folgendermaßen:
Am 4. November ganz in der Frühe wurde ich von irgend jemandem geweckt, ich sollte sofort ins Sekretariat kommen, denn den Nachrichten zufolge hätte die Belagerung der Hauptstadt durch die sowjetischen Truppen begonnen…Dort wartete schon Tildy mit seinem Gefolge, auch Ferenc Dónath, Otto Tőkés, und noch einige andere Personen waren da…Und während die Telefone fortwährend klingelten, wurde ich über die neuesten Nachrichten aus dem ganzen Land unterrichtet. Die Anrufe kamen von überall her, man fragte, was jetzt geschehen solle, was zu tun sei? Da ich selbst nicht allen Anrufern antworten konnte, auch wenn alle unbedingt mich sprechen wollten, gab ich denen, die die Anrufe entgegen nahmen die Anweisung, das man nirgends Widerstand leisten und sich vor Provokationen hüten sollte und dass es verboten sei, auf sowjetische Soldaten zu schiessen….

Um 5.20 Uhr wandte sich Nagy in einer Ansprache an das ungarische Volk, berichtete, dass Sowjettruppen in Budapest einrückten. Er appellierte an die einrückenden sowjetischen Truppen nicht zu schießen und weitere Blutopfer zu vermeiden.

>>> Imre Nagys Radioansprache hören bei Wikipedia <<<

>>> Die Radioansprache lesen <<<

Kurz nach der Ausstrahlung der Rede wurde Nagy von Zoltán Szántó zu einer Unteredung unter vier Augen gebeten. Szántó berichtete Nagy, dass ihm bereits um ein Uhr die Nachricht übermittelt worden sei, dass der jugoslawische Botschafter Dalibor Soldatić ihn dringend zu sprechen wünsche. Szántó sei sofort hingegangen und habe von Soldatić erfahren, das man aus Belgrad bestellen ließ, der sowjetische Angriff auf Budapest könne jeden Augenblick beginnen. Nagy erinnerte sich: Der jugoslawische Diplomat…
machte (Szántó) darauf aufmerksam, das die ungarischen Genossen sich in großer Gefahr befanden. Sie sollten sich nicht unnötig solch großer Gefahr aussetzen, weshalb man riet, sie sofort zu benachrichtigen. Sie sollten sich unverzüglich in die jugoslawische Botschaft begeben, wo man ihnen Schutz gewähren würde.

Imre Nagy und seine Mitarbeiter brachten sich in der jugoslawischen Botschaft in Sicherheit und erhielten dort politisches Asyl.

Leider hatte Nagy keine Kenntnis über die Absprache zwischen Chruschtschow und Tito, der den ersten Einmarsch der sowjetischen Truppen noch verurteilt hatte, den zweiten aber befürwortete.
Somit saß Nagy in der Falle und sein Schicksal war besiegelt.
Mit ihm waren noch Sándor Haraszti, Géza Losonczy, Ferenc Jánosi, Szilárd Újhelyi, Gábor Táncos, Ferenc Dónath, György Lukács und Júlia Rajk mit ihren Familien in der jugoslawischen Botschaft. Miklós Vásárhely fand in der Wohnung eines jugoslawischen Diplomaten Zuflucht.

Um 7:57 Uhr wurde der verzweifelte Appell von Schriftsteller Gyula Hay, worin er die die internationale Öffentlichkeit im Namen des Ungarischen Schriftstellerverbandes um Hilfe für Ungarn bat, im Rundfunk ausgestrahlt.

Ein Tonband im Radio rief Pál Maléter und seine Freunde, die im sowjetischen Hauptquartier der Streitkräfte gefangen waren, zur Rückkehr an ihren Posten in der Regierung auf:
"Imre Nagy, Präsident der Nationalregierung, ruft Pál Maléter, Minister für nationale Verteidigung, István Kovács, Generalstabschef, und die anderen Mitglieder der Delegation, die sich gestern um 22:00 Uhr zum Generalhauptquartier der Sowjetarmee begeben haben und nicht zurückgekehrt sind. Er befiehlt ihnen zurückzukommen und unverzüglich wieder ihre Posten einzunehmen…"

István Bibó blieb als einziger der Regierung im Parlamentsgebäude zurück.

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István Bibó


Die sowjetischen Einheiten besetzten das Verteidigungs- und das Innenministerium und umstellten das Parlamentsgebäude.

Bibó verfasste im Namen der Nagy-Regierung eine offizielle Erklärung, die er den westlichen Botschaftern in Ungarn telefonisch übermittelte.

>>> Appell von István Bibó an die Westmächte <<<

Die ungarischen Spitzenfunktionäre Kádar, Münnich und Horváth trafen am frühen Nachmittag gemeinsam mit Anastas Mikojan aus Moskau ein und gründeten in Szolnok offiziell die "Ungarische Revolutionäre Arbeiter-Bauern-Regierung".

>>> Text der Rundfunkansprache von János Kádár als neuer Regierungschef (deutsche Übersetzung) <<<

Die erste offizielle Stellungnahme der Gegenregierung wurde von der Bevölkerung weitestgehend ignoriert.

Die Kämpfe wurden mit hohen Verlusten auf beiden Seiten fortgesetzt.

Gegen 13 Uhr wandte sich der Freiheitssender "Dunapentele" im Namen der Aufständischen an die Vereinten Nationen.

>>> Hilferuf des ungarischen Schriftstellerverbandes vom 04.11.1956 <<<

Der Text des Hilferufs:
" Segítsetek Magyarországon! Segítsetek a magyar népen! Segítsetek a magyar írókon, tudósokon, munkásokon, parasztokon, értelmiségi dolgozókon! Segítsetek! Segítsetek! Segítsetek!"

"Helft Ungarn! Helft dem ungarischen Volk! Helft den ungarischen Schriftstellern, Wissenschaftlern, Arbeitern, Bauern, Geistesschaffenden! Helft! Helft! Helft!"


Die Sowjettruppen besetzten Békéscsaba, Debrecen, Győr, Kecskemét, Miskolc, Pécs, Székesfehérvár, Szolnok und Szombathely.
Dorog, Esztergom, Oroszlány und Tatabánya wurden umstellt.

Kardinal Mindszenty konnte in die US-amerikanische Botschaft flüchten (wo er bis zum 28. September 1971 bleiben musste).

In New York wurde in Anbetracht der sowjetischen Intervention ein Treffen des UN-Sicherheitsrates einberufen.

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Demonstration vor der UNO


János Kádár übernahm auch die Führung der „Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei“ (USUP). Die Verfolgung der Aufständischen begann.

Imre Nagy wurde vom jugoslawischen Botschafter aufgefordert die Kádár-Regierung anzuerkennen und eine schriftliche Erklärung zu unterzeichnen, in der er bekannte, dass seine letzten Amtshandlungen und Schritte nur unter dem Druck der reaktionären Elemente in seiner Regierung erfolgt seien.
Doch Nagy verweigerte sich, dankte nicht ab und betrat so den Weg, der schließlich zum Märtyrertod führte.


Der 04.11.1956 wird als das Ende des Volksaufstandes betrachtet.


Über zweieinhalbtausend Tote und fast 20 000 Verwundete zählte man auf ungarischer Seite.
In Budapest betrug die Zahl der zivilen Opfer 1569.
Die Hälfte von ihnen war unter 30, jeder fünfte sogar unter 19 Jahre alt.
53 Prozent der Toten waren Werktätige, davon 70 Prozent Industriearbeiter und Bergleute.
An die 200 000 Menschen flohen gen Westen.
Doch auch die sowjetische Armee zahlte für die "Normalisierung" der Lage einen hohen Preis: 669 Soldaten waren tot, 1540 verletzt und 51 vermisst.


"Die Tragödie des ungarischen Volkes von 1956/57 erinnerte in mancher Hinsicht an den Freiheitskampf von 1848/49" schreibt Paul Lendvai in seinem Buch "Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte".
Wie schon bei der Revolution von 1848 waren es Studenten die sich mit den Intellektuellen zusammentaten und eine Änderung der Politik forderten.
Auch 1956 waren es wieder "die Russen", die, wie 1849 als sie die Habsburger unterstützten, den ungarischen Freiheitskampf brutal, mit massiver Übermacht niedergeschlagen haben.


waldi winki.gif

Und immer neugierig bleiben!

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Verfasst am: 23.10.2008 08:29
waldi
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1956 Die Folgen der Revolution



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offener Brief der Kádár-Regierung an das arbeitende ungarische Volk


Am 05.11. sendet das sowjetische Oberkommando aus dem besetzten Gebäude von Radio Budapest eine Ansprache an das ungarische Volk worin man die Regierung Nagy als reaktionär abstempelt und die Bevölkerung zur Hilfe beim Kampf gegen die Reaktion auffordert.

Doch es gibt weiteren erbitterten Widerstand in den verschiedenen Stadtteilen Budapests und
Kämpfe in Komló, Pécs and Veszprém.

Einige tausend Menschen protestieren in Krakau gegen die sowjetische Intervention in Ungarn.
"János Kádár und seine neu gegründete Partei mögen Ungarn und die Welt für dumm verkaufen, aber die Tatsache bleibt bestehen, dass russische Waffen die Demokratie und den Kommunismus in Scherben schlagen. Wir sind überzeugte Kommunisten, aber wir müssen erkennen, dass nicht nur Stalin den Kommunismus als Vorwand missbrauchte für die Expansion des russischen Imperialismus und zur Versklavung freier Völker. Kameraden! Unser Platz ist auf den Barrikaden, wo unsere ungarischen Brüder und Schwestern ihren fast aussichtslosen Kampf gegen diesen brutalen Imperialismus führen", verkündete Rádio Rajk am 5. November.


Am 06.11. nimmt die Stärke des ungarischen Widerstands ab. Bewaffnete Ungarn kämpfen trotzdem weiter. Etliche der sowjetischen Panzer werden zerstört.

Um 12:00 Uhr bittet die Kádár-Regierung in Szolnok andere sozialistische Länder um Hilfe. Die Sowjetunion bietet ihm weitere Hilfe an und fordert die bedingungslose Aufgabe der Kämpfe. Doch die Kämpfer für die Freiheit können dies nicht akzeptieren.

Sowjetische Truppen bringen Kádár und andere Mitglieder der Regierung in gepanzerten Wagen ins Parlament. Am Nachmittag legt die Kádár-Regierung den Beamteneid ab, obwohl die Nagy-Regierung noch nicht zurückgetreten ist.

Die Aktionen der revolutionären Soldatenräte werden verboten und den Revolutionskomitees ist ihr Handlungsrecht entzogen.
Der 07.11. wird als Arbeitstag erklärt, obwohl es der Jahrestag der russischen Revolution von 1917 ist.

Weitere Kämpfe auf der Budaer Seite.

Angriff auf Dunapentele (Sztálinváros, Dunaújváros).
Der militärische Widerstand, der den russischen Truppen entgegen gebracht wurde, zeigte sich am heftigsten dort, wo sich die Arbeiterräte ihre territoriale Verfassung schon vor dem 04. 11. gegeben hatten und die Organisation der Arbeiterräte am weitesten gediehen war. Gerade an diesem Aspekt wird die zentrale Stellung deutlich, die die Arbeiterräte für den Ablauf der ungarischen Revolution hatten.
Zum Beispiel Dunapentele, ehemals Stzálinváros, ein herausragendes Produkt stalinistischer Industriepolitik, das mit 32 000 Einwohnern zu den großen Zentren der ungarischen Schwerindustrie zählte. Am 7. November verweigerten die Arbeiter, die Waffen niederzulegen und antworteten auf ein Ultimatum der russischen Invasoren:
"Dunapentele ist die erste und führende sozialistische Stadt Ungarns. Die Mehrzahl ihrer Einwohner sind Arbeiter und die Macht liegt in ihren Händen. Nach der siegreichen Revolution vom 23. Oktober haben die Arbeiter den Nationalrat der Stadt Dunapentele gewählt und die Bevölkerung hat sich bewaffnet. Alle Betriebe und die Wohnhäuser unserer Stadt sind von uns selbst erbaut worden. Die Arbeiterschaft sorgt für die Ordnung in der Stadt und wird sie sowohl gegen faschistische Übergriffe als auch gegen die sowjetische Armee zu verteidigen wissen. Die Mehrzahl der Werke sind in Betrieb. In unserer Stadt gibt es weder Konterrevolutionäre noch Faschisten. Wir wollen mit der Sowjetunion in Frieden leben, doch soll sie sich in unsere inneren Angelegenheiten nicht einmischen. Wir schlagen vor, dass weitere Verhandlungen in einer neutralen Zone geführt werden."

Aber die Armeeführung ignorierte das Angebot und die sowjetischen Panzerkolonnen eröffneten das Feuer.
Der Widerstand brach am späten Nachmittag zusammen und die sowjetischen Truppen marschierten ein.


Am 07.11. erfolgte ein weiterer verzweifelter Hilferuf auf Radio Rákóczi, worin die freie Welt, die UNO und der wiedergewählte Präsident Eisenhower um Unterstützung, die Amerika über den Sender "Free Europe" versprochen hatte, um Unterstützung gebeten wurde.
"...auf unsere Aufrufe keinerlei Antwort bzw. Hilfe. Lasst uns deshalb unseren Hilferuf wiederholen. Ist euch die Freiheit teuer? Uns ist sie es auch! Habt ihr Frauen und Kinder? Wir auch! Habt ihr Kranke? Auch wir haben aus hundert Wunden blutende Verwundete, die Ihr Blut für die heilige Sache der Freiheit haben fließen lassen. Aber wir haben keine Verbandsstoffe um ihre Wunden zu verbinden, und keine Medikamente um ihre Schmerzen zu lindern! Und was sollen wir unseren Kindern geben, die um Brot bitten, denn auch unser letztes Stück Brot ist verzehrt. Bei allem, was euch lieb ist, bitten wir: helft uns; denkt Ihr nicht, dass die Herzen unserer für die Freiheit gefallenen Lieben, die aufgehört haben zu schlagen, alle diejenigen anklagen, denen es möglich gewesen wäre uns zu helfen, und die nicht geholfen haben? ... die UNO ... sie hat die Möglichkeit... Wir senden diese Botschaft heute, da unseres Wissens die UNO zur außerordentlichen Sitzung zusammentritt. Wir senden diese Botschaft Präsident Eisenhower anlässlich seiner heutigen Wiederwahl..."

Doch die Hilfe blieb aus! Die Probleme des kleinen Ungarn verblassten hinter den finanziellen Interessen am Suezkanal.

In New York wurde die zweite Sondersitzung der UN-Generalversammlung zu Ungarischen Frage fortgeführt.

Der Widerstand in einigen Bezirken Budapests hörte langsam auf. Sowjettruppen übernahmen die Kontrolle.
Der Befehlshaber der sowjetischen Militäreinheiten ordnete über Radio Budapest die Waffenniederlegung an:
"Der Befehlshaber der sowjetischen Militäreinheiten ordnet an:
1. Waffen sind unverzüglich abzuliefern, spätestens bis 17 Uhr am 9. November. Wer seine Waffen abliefert, wird wegen ihres Besitzes nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
2. Mit Wirkung vom 7. November werden alle Verkehrsbeschränkungen für die Zeit von 7 bis 19 Uhr aufgehoben.
Der Befehlshaber fordert ferner die Fabrikarbeiter, das Personal der Verkehrsbetriebe und der öffentlichen Versorgungsdienste auf, die Arbeit wieder anzutreten. Gegen alle, die die Aufnahme der Arbeit verhindern, wird entsprechend vorgegangen."


Auch Maléters ehemalige Festung, die Kilianskaserne wurde nach wütenden Panzerangriffen und einem Bombardement aus der Luft, von den Sowjets eingenommen.
Sie fanden nur noch Tote und Schwerverwundete.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=templom_lli_t.jpg
die Üllői út nach der Revolution


Am 09.11. erklärte der Regierungsrat die Kádár-Regierung zum höchsten Organ der Staatsverwaltung. Es wurde ebenso das Kossuth-Wappen legalisiert (das ungarische Wappen ohne Krone, 1849 eingeführt), welches während der Revolution wieder aufgetaucht war.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2FFahnen_-_Cimer%2F&obj_name=800px-Flag_of_Hungary_1946-1949_1956-1957.svg.png
die ungarische Fahne mit dem "Kossuth-Wappen"


http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2FFahnen_-_Cimer%2F&obj_name=Flag_of_Hungary_1957-1989.png
die ungarische Fahne der Kádár-Ära 1957 bis 1989


Die Organisation der Nationalen Verteidigungskräfte begann.
Bedingungslose Unterstützung für die Kádár-Regierung wurde gefordert. Offiziere, die sich weigerten zu unterschreiben würden entlassen.

Aufständische aus Budapest und Dunapentele (Sztálinváros, Dunaújváros) marschierten durch Baja in Richtung Jugoslawien.

Die Sowjets teilten Kádár mit, dass Imre Nagy und seine Mitarbeiter, die in der jugoslawischen Botschaft Zuflucht gefunden hatten, nicht nach Jugoslawien ausreisen dürften.

Die zweite Sondersitzung der UN-Generalversammlung verabschiedete eine weitere Resolution zur Situation in Ungarn.


Am 10.11. teilte Imre Nagy dem stellvertretenden jugoslawischen Ministerpräsidenten Aleksandar Rankoviæ in einem Brief mit, dass er nicht bereit sei vom Amt des ungarischen Ministerpräsidenten zurückzutreten.
Die jugoslawische Regierung bestätigte daraufhin, dass sie Imre Nagy und seinen Mitarbeitern weiterhin Asyl in der jugoslawischen Botschaft in Budapest gewährte.
Nagy forderte erneut den Abzug der sowjetischen Truppen, beharrte auf dem Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt und der damit verbundenen Neutralitätserklärung und bekräftigte seine Forderung zur Wiederherstellung des Mehrparteiensystems.

In Budapest fanden weiterhin Kämpfe statt.


Am 11.11. verhängte die Regierung im ganzen Land den Ausnahmezustand. Aufständische wurden systematisch verfolgt, Personen, die im Besitz von Waffen waren, mussten mit einer Verurteilung durch Standgerichte rechnen.

Kádár sagte in einer Rundfunkrede:
"Ich, der ich selbst ein Mitglied der Regierung Nagys war, kann hiermit mit meinem besten Gewissen bestätigen, dass weder Nagy noch seine politische Gruppe beabsichtigt haben, eine ›Konterrevolution‹ zu unterstützen."


Am 12.11. erklärte die Kádár-Regierung die UN-Resolutionen zur Ungarnfrage als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes.

Die offizielle staatliche Presse veröffentlichte eine Mitteilung des ungarischen Regierungsrates, in der die Absetzung Imre Nagys und die Zusammensetzung der neuen Kádár-Regierung bestätigt wurden.
Die Leitung des ungarischen Schriftstellerverbandes richtete einen Appell an die Nation.
Sie protestierte gegen die sowjetische Intervention und den Terror durch die Staatsgewalt.
Das Faszinierende und Großartige der ungarischen Revolution fand sich in ihrer Rätebewegung, die den Eindruck erweckte, als wolle sie sich erst nach ihrer militärischen Niederlage und unter der Präsenz der russischen Armee richtig entfalten.
Wenige Tage nach der militärischen Niederlage wollten die Arbeiter eine Gegenmacht zur Kádárregierung in Form eines Arbeiterrates von Gesamtbudapest schaffen.


Am 13. 11. wollte man sich in Újpest treffen, als das Gerücht durch Budapest ging, dort seien einige Delegierte der Arbeiterräte verhaftet worden. Deshalb begaben sich die Arbeitervertreter zur Versammlung der Budapester Arbeiterräte nicht ins Rathaus von Újpest, sondern auf das Gelände der "Vereinigten Glühbirnenfabrik" (Egyesült Izzó), in der sich der erste Arbeiterrat gegründet hatte. Dort eingefunden, vermissten sie allerdings die Delegierten einiger großer Fabriken, so dass man die konstituierende Sitzung für den zentralen Arbeiterrat von Großbudapest auf den nächsten Tag verschob. Man machte aus dem Dogma der Demokratie eine Waffe gegen die Marionettenregierung Russlands, gegen die Regierung János Kádár. Nur mit der größtmöglichen Legitimität wollte man ihr gegenübertreten. Hier die einzig legitime Vertretung des ungarischen Volkes, dort die Vertretung der Interessen des russischen Imperialismus.

Die 11. UN-Generalversammlung setzte die "Ungarische Frage" auf ihre Tagesordnung.


Am 14.11. waren auf der Gründungsversammlung des zentralen Arbeiterrates ca. 400-500 Personen anwesend, nicht alle waren Delegierte. Auffallend war die große Repräsentation der jüngeren Arbeiter und dass die älteren fast durchweg Veteranen der ungarischen Arbeiterbewegung waren. Zum Teil hatten sie noch an der Räterepublik 1919 teilgenommen.
Eine Delegation des Arbeiterrats nahm noch am selben Abend Verhandlungen mit Vertretern der Kádár-Regierung im Parlament auf.

In verschiedenen ungarischen Städten (u.a. Miskolc, Pécs, Győr, Debrecen) hatten sich Arbeiterräte gebildet, die sich dem Gedanken der Arbeiterselbstverwaltung verpflichtet fühlten. Sie sollten die Interessen der Arbeiter vertreten und mit der sowjetischen Besatzungsmacht verhandeln. Ihre Forderungen untermauerten sie mit der Androhung von Streiks. Ihre Vertreter erklärten öffentlich ihre Loyalität zur unrechtmäßig abgesetzten Regierung von Imre Nagy und forderten den sofortigen Abzug der sowjetischen Truppen und die Wiederherstellung der Pressefreiheit.
Personen die an den bewaffneten Kämpfen teilgenommen hatten, sollten straffrei ausgehen. Die in die Sowjetunion verschleppten Personen sollten umgehend zurückgeführt werden.

Auf einer Pressekonferenz erklärte US-Präsident Eisenhower, dass die USA nichts tun würden, was die ungarische Bevölkerung zur Fortsetzung der Kämpfe ermuntern würde.


Am 15.11. wählte der "Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest" Sándor Rácz zum Vorsitzenden. In der Nacht wurden die Gespräche zwischen dem Gremium und der Kádár-Regierung fortgesetzt.


Am 16.11. gab János Kádár auf einem geheimen Treffen in Leányfalu seine Zustimmung zu der geplanten Deportation von Imre Nagy und seinen Mitarbeitern nach Rumänien.
In Budapest traten die Journalisten in einen Streik.


Am 17.11. forderte János Kádár die jugoslawische Regierung auf, Imre Nagy und seine Mitarbeiter an die neue ungarische Regierung auszuliefern.


19.11. Imre Nagy und seine Mitarbeiter, die sich immer noch in der jugoslawischen Botschaft befanden, weigerten sich das Land zu verlassen.

Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest sprach sich für die Gründung eines nationalen Arbeiterrates aus.
Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest, der Verband ungarischer Journalisten (MUOSZ), der Bauernverband, das Revolutionskomitee der Ungarischen Intelligenz, der Ungarische Schriftstellerverband und andere Organisationen richteten einen Brief an Indiens Ministerpräsident Jawaharlal Nehru und baten ihn sich für die Interessen Ungarns einzusetzen.

Einige der nach der Niederschlagung des Aufstands in die Sowjetunion deportierten Personen wurden den ungarischen Behörden übergeben.

Die sowjetische Parteizeitung Prawda erhob gegenüber dem jugoslawischen Präsidenten Tito den Vorwurf der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ungarns. Anlass für die Kritik aus Moskau war Titos Rede in Pula.


21.11. Nach längeren Verhandlungen garantierte die Kádár-Regierung Jugoslawien, dass Imre Nagy und seine Mitarbeiter nicht verfolgt würden.

In einem Brief an Tito schreibt Kádár:
"Um diese Angelegenheit zu regeln und im Einvernehmen mit dem Vorschlag, den mir die jugoslawische Regierung in einem Brief am 18. November übermittelte, wiederhole ich hier die Versicherung, die ich bereits mehrere Male mündlich gegeben habe, nämlich dass die ungarische Regierung die Bestrafung Imre Nagys und der Mitglieder seiner Gruppe für ihre vergangenen Aktivitäten nicht wünscht. Infolgedessen erwarten wir, dass das durch die jugoslawische Botschaft für diese Gruppe gewährte Asyl aufgehoben wird und die Mitglieder (der Gruppe) in ihre Heime zurückkehren werden."

Dies war der zweite Verrat Kádárs an Nagy!

Der Versuch zur Gründung eines nationalen Arbeiterrats für Ungarn scheiterte.
Die als Tagungsort für die Delegierten vorgesehene Nationale Sporthalle in Budapest war von sowjetischen Panzern umstellt. Das Treffen der Arbeiterräte konnte deshalb nicht stattfinden. Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest rief daraufhin zu einem 48-stündigen Proteststreik auf.
Am Nachmittag fanden weitere Verhandlungen zwischen dem Arbeiterrat und der Regierung statt.

Nach einer dreitägigen Debatte verabschiedete die UN-Generalversammlung mehrere Resolutionen zur Ungarischen Frage.

Prominente ungarische Intellektuelle, darunter der Komponist Zoltán Kódaly als Vorsitzender, György Markos als Sekretär und Tibor Déry gründeten den Ungarischen Revolutionsrat der Intellektuellen.


22.11. Die insgesamt 48 Personen in der jugoslawischen Botschaft, darunter 14 Frauen und 16 Kinder, wurden beim Verlassen des Gebäudes am 22. November, trotz der mündlichen und schriftlichen Versicherungen Kádárs über freies Geleit, sofort von den Sowjets verhaftet und nach Rumänien ausgeflogen. In Snagov, etwa 40 Kilometer von Bukarest entfernt, hielten Geheimpolizisten sie gefangen.

Die Bevölkerung reagierte auf die Nachricht über die Verschleppung mit Unmutsbekundungen, es kam zu Protestdemonstrationen.


23.11. Jugoslawien legte Protest gegen die Entführung Imre Nagys und seiner Mitarbeiter ein.

Die Kádár-Regierung erkannte den Zentralen Arbeiterrat von Groß-Budapest als Verhandlungspartner an. Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest rief wiederum zur Arbeit auf.


Am 24.11. wurde offiziell über den Abtransport Imre Nagys und seiner Mitarbeiter berichtet.

Das Personal der Zeitung Népszabadság streikte.
Weitere Streiks in den Bezirken Komárom and Nógrád.

Polen half Ungarn mit einer Spende von 100 Millionen Złoty.

Die jugoslawische Presse berichtet über die Deportation Imre Nagys.

>>> Der ungarische Schriftstellerverband veröffentlicht ein neues Manifest <<<


Am 25.11. wurden die Gespräche zwischen dem Zentralen Arbeiterrat von Groß-Budapest und Regierungsmitgliedern im Parlament nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung abgebrochen.


26.11. Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest forderte eine Erklärung der Kádár-Regierung zum Schicksal Nagys und seiner Mitarbeiter.
János Kádár ging in einer Radioansprache ausführlich auf das Thema Imre Nagy ein.
Das war bis zur Bekanntmachung der Hinrichtung am 17.6.1958 die letzte offizielle Information über Imre Nagy.


Am Abend des 27.11. richtete der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest einen Protest gegen die Ansprache Kádárs.
Später fanden Gespräche zwischen Kádár und einer Delegation des Arbeiterrates unter der Leitung von Sándor Rácz statt.
Die Kádár-Regierung appellierte an die Landbevölkerung und versuchte sie durch Versprechungen zu gewinnen.
Der Schriftstellerverband protestierte in einem Brief an die diplomatischen Missionen in Budapest gegen die Deportation des Literatutkritikers und Bildungsministers der Nagy-Regierung György Lukács, der ebenfalls nach Rumänien deportiert wurde.

Die Sowjets drängten Kádár zu Schauprozessen, bei denen einige Revolutionäre hingerichtet werden sollten.

Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest rief zum Boykott der Regierungs-Presse auf. Der Boykott sollte so lange aufrechterhalten werden bis der Arbeiterrat selbst eine Veröffentlichungserlaubnis bekam.
Es tauchten Flugblätter mit der Forderung auf, über die Ereignisse in Ungarn genauer zu informieren.


01.12. János Kádár erklärte den Fall Imre Nagys gegenüber der jugoslawischen Regierung zu einer internen Angelegenheit Ungarns.
Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest verbreitete einen Aufruf gegen die Streiks, die immer noch stattfanden.


02.12. Ein dreitägiges Treffen des vorläufigen Exekutiv-Komitees der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei MSMP begann. Die Ereignisse im Oktober wurden dabei als Konterrevolution dargestellt.
In Salgótarján und im Bezirk Nógrád wurde weiter gestreikt.


Am 03.12. berichtete der rumänische Außenminister den Vereinten Nationen, dass Imre Nagy und seine Mitarbeiter politisches Asyl in Rumänien erhalten haben.


Am 04.12. fanden in Budapest Gedenkmärsche und Blumenniederlegungen für die Gefallenen der Revolution statt. Tausende Frauen nahmen daran teil. Viele Mütter beweinten ihre Söhne, die "Pester Jungs", die im Kampf um die Freiheit ihr Leben lassen mussten.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Pesti_srac.jpg http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=forradalmarlany.jpg
"Pesti srácok", nicht nur Jungs!


Wenige Meter neben der Stelle wo dieses Foto eines "Pester Jungen" mit Molotow-Cocktail aufgenommen wurde…

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=molotov.jpg

… wurde zu ihrem Gedenken nach dem Ende der kommunistischen Ära dieses Denkmal aufgestellt.

http://urmeli.ungarninfo.org/yappa/show.php?size=320x320&album_name=%2FMitgliederalben%2Fwaldi%2F1956%2F&obj_name=Pesti_srac_szobra_1996.jpg
"Pesti srác"-Denkmal vor dem Corvin-Kino


Am 05.12. ordnete die Regierung die Auflösung aller Revolutionskomitees an.
Einige hundert Frauen legten an der Statue des Dichters und Nationalhelden Sándor Petõfi Blumen nieder. Die Demonstration wurde von sowjetischen Truppen beendet.
Eine weitere Demonstration wurde ebenfalls von den Sicherheitskräften aufgelöst.
Am Abend wurden über 200 Mitglieder der Intelligenz und der Arbeiterräte verhaftet.
Das erste "Weißbuch" mit dem Namen
"Konterrevolutionäre Kräfte bei den Oktoberereignissen in Ungarn" erschien, welches die Ereignisse verleumdete und diejenigen, die daran teilnahmen, verurteilte.


06.12. Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest berichtete, dass die Verhandlungen mit der Regierung erfolglos verlaufen waren. Es wurde gegen die Verhaftung von Vorsitzenden der verschiedenen Arbeiterräte protestiert.
Die Regierung organisierte regierungstreue kommunistische Versammlungen an verschiedenen Orten in Budapest. Arbeiter griffen kommunistische Demonstranten an, warfen Steine und wurden von sowjetischen Truppen und den Sicherheitskräften auseinander gebracht. Ein Sicherheitsmann schoss in die Menschenmenge.
Weitere Demonstrationen fanden in Békéscsaba, Gyula, Sarkad und Tatabánya statt.


07.12. Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest schlug dem sowjetischen Ministerpräsidenten direkte Verhandlungen zwischen dem Arbeiterrat und der sowjetischen Regierung vor.
Demonstrationen fanden wiederum in Budapest, Pécs, Esztergom und Berettyóújfalu statt. Ebenso wie in Orosháza, Dévaványa, Battonya, Mezőkovácsháza, Gyulavári, Doboz und Sarkad.


08.12. In Salgótarján eröffneten Sowjets und Sicherheitskräfte das Feuer auf die demonstrierende Menschenmenge.
Es wurden 52 Menschen getötet und über 150 verwundet.
Als die Nachricht von diesem Gewalteinsatz den Zentralen Arbeiterrat von Groß-Budapest erreichte, rief dieser zu einem 48-stündigen Streik auf.


09.12. Die Regierung erklärte den Zentralen Arbeiterrat von Groß-Budapest und alle anderen Arbeiterräte für ungesetzlich.
Die versammelten Delegierten der Arbeiterräte wurden verhaftet.
Der Zentrale Arbeiterrat von Groß-Budapest rief zu einem Generalstreik auf.
György Marosán, Mitglied der Kádár-Regierung, hielt eine Rede vor über eintausend Kommunisten in Pécs. Danach fand eine Pro-Regierungs-Demonstration statt.
Proteste in Dévaványa, Szeghalom, Vésztő, und Miskolc.
Zwei Führer der Nationalgarde in den Stahlwerken wurden von Sicherheitsmännern ermordet.


Am 10.12. eröffneten in Miskolc sowjetische Truppen das Feuer auf eine Demonstration.
Streiks in Győr und Eger.
Demonstrationen und Kranzniederlegungen in verschiedenen Städten.

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Gräber in den Strassen von Budapest


11.12. Der vom Zentralen Arbeiterrat von Groß-Budapest ausgerufene Streik begann: die Produktion wurde niedergelegt, der Zugverkehr und der öffentliche Transport eingestellt. In Reaktion darauf ließ die Kádár-Regierung den Ausnahmezustand ausrufen und ordnete die Entwaffnung der Streikenden in den Fabriken an.
Die Vorsitzenden des Zentralen Arbeiterrates von Groß-Budapest Sándor Bali und Sándor Rácz wurden am Parlamentsgebäude, zu dem sie zu Verhandlungen gekommen waren, verhaftet.
Streiks in den meisten Fabriken in Baja, Debrecen und Kecskemét. Demonstrationen in Eger und Zalaegerszeg.
Die ungarische Regierung erließ eine Verordnung über die Einführung des Standrechts.


Am 12.12. wurden die Internierungslager wieder geöffnet.
In Budapest fanden Demonstrationen statt.
In Eger schossen Sicherheitskräfte auf Demonstranten: 8 Menschen starben, weitere 27 Personen wurden verletzt.
Der Schriftstellerverband protestierte gegen die Verhaftung von Schriftstellern und Journalisten. Ein/e Bittgesuch/Forderung der ungarischen Schriftsteller für die Freilassung von György Lukács, der mit Imre Nagy nach Rumänien deportiert wurde, wurde von jugoslawischen Schriftstellern unterstützt.
Die UN-Generalversammlung verurteilte die sowjetische Intervention in Ungarn in einer weiteren Sitzung.


Am 16.12. wurde in Miskolc das erste offizielle Todesurteil gegen einen Teilnehmer des Aufstandes verhängt. Jószef Soltész wurde hingerichtet, weil er Waffen versteckt haben sollte.

Sándor Kopácsi, der Polizeichef von Budapest während des Aufstandes, berichtet in seinem Buch "Die ungarische Tragödie", das 1979 erschien, von mehreren Erschießungen täglich, während seiner Haft in Budapest. Die Abrechnung mit den "Konterrevolutionären" nahm seinen Lauf!

Ende Dezember wurde Staatsminister Géza Losonczy im Gefängnis ermordet, obwohl er ein durch Folter und falsche Versprechungen erzwungenes Geständnis abgelegt hatte: "Ich gestehe, Spion im Sold von Josip Tito und Eisenhower zu sein, ich gestehe, eine faschistische Konterevolution gegen mein Volk und die Armee der ruhmreichen Sowjetunion, Heimat aller Arbeiter der Welt, angezettelt zu haben…" Mit dem ganzen Wahnsinn seines armen, von den Henkern gemarterten Verstandes legte er das vorgeschriebene Pauschalgeständnis ab.

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Géza Losonczy


Die Revolutionäre József Dudás und János Szabó wurden am 19.01.1957 hingerichtet.


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József Dudás………………………………………………..János Szabó, genannt "Szabó-bácsi"


In Rumänien wurden mehr als zwanzig Personen im Zusammenhang mit der Revolution hingerichtet und mehrere Tausend verhaftet.

Am 24. März 1957 wurde József Szilágyi, Nagys erster Sekretär, im Budapester Zentralgefängnis durch "Erhängen bis zum Eintritt des Todes" hingerichtet.
Sein Ersuchen "erschossen" zu werden, wurde von Staatsanwalt Vida abgelehnt.
Seine letzten Worte sollen gewesen sein: "Es lebe das unabhängige, sozialistische Ungarn!"



Am 13.04. wurde nach fast sechs Monaten die Ausgangssperre aufgehoben.


Am 17.04. wurden Imre Nagy und seine Mitstreiter unter strengster Geheimhaltung mit verbundenen Augen und in Fesseln aus Rumänien zurück nach Budapest gebracht.

Vom Beginn des Aufstandes bis Ende Mai 1957 sind 174 704 Personen nach Österreich, nach Jugoslawien 19181 Personen emigriert. Insgesamt 193 885 Personen.
Bis Ende Mai sind 11 477 Personen legal nach Ungarn zurückgekehrt.


Der Innenminister der Kádár-Regierung Béla Biszku reiste am 26.08. 1957 nach Moskau und berichtete dort über die Vorbereitungen des Prozesses gegen Imre Nagy.
Die sowjetische Führung bat um die Verschiebung des Prozesses bis Oktober, da zu diesem Zeitpunkt in Moskau das "Internationale Treffen der Kommunisten der Welt" stattfand.


Am 23. 10.1957, am Jahrestag des Beginns des Aufstandes, erinnerte die ungarische Bevölkerung an den Ausbruch der Revolution. Größere Massendemonstrationen fanden aber nicht statt. Einheiten der ungarischen Volksarmee, der Polizei und der Arbeitermiliz sicherten die Strassen von Budapest und anderer Städte. Die Schauplätze der Revolution waren abgeriegelt.
Auf den Zentralfriedhöfen Kerepesi und Rákoskeresztúr, wo die meisten Opfer der Revolution begraben liegen, patrouillierten berittene Polizisten. Mehrere hundert Personen, unter ihnen auch Minderjährige und Jugendliche, wurden festgenommen.
Studenten an Universitäten und Hochschulen, die an Demonstration teilnahmen, drohte ein Disziplinarverfahren.
In London erschien die erste Ausgabe der "Népszava". Die Zeitung wurde von ungarischen Emigranten geschrieben. Chefredakteurin der Zeitung ist Anna Kéthly.
Mitglieder der Redaktion sind György Demény, György Mikes, Imre Szélig. Sie veröffentlichten die aus Ungarn geschmuggelten Memoiren von István Bibó.


Am 02.11.1957 wurde in Ungarn das Standrecht aufgehoben.


Am 5. Februar 1958 begann in Budapest der geheime Prozess gegen Imre Nagy und seine Mitstreiter.
Er war so geheim, dass selbst die Verteidiger während des Prozesses das Gefängnisgelände nicht verlassen durften
Der Generalstaatsanwalt klagte Imre Nagy, Ferenc Donáth, Miklós Gimes, Zoltán Tildy, Pál Maléter, Ferenc Jánosi, und Miklós Vásárhelyi an, eine Verschwörung mit dem Ziel organisiert zu haben, die volksdemokratische Staatsordnung Ungarns zu stürzen. Außerdem wurde Imre Nagy des Landesverrates, Sándor Kopácsi und Pál Maléter der Organisation einer militärischen Meuterei angeklagt.

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Imre Nagy und seine Kameraden vor Gericht


Schon am nächsten Tag wurde das Verfahren wieder unterbrochen.

Vom 09. bis 15.06. 1958 wurde die geheime Gerichtsverhandlung gegen Imre Nagy und seine Mitstreiter fortgesetzt.
Die Urteilsverkündung fand am 15. Juni statt.
Vom Volksgerichtsrat des Obersten Gerichtshofes von Ungarn wurden Imre Nagy, Miklós Gimes und Pál Maléter zum Tode verurteilt. Sándor Kopácsi wurde zu lebenslanger Haft, Ferenc Donáth zu zwölf, Ferenc Jánosi zu acht, Zoltán Tildy zu sechs und Miklós Vásárhelyi zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Als Richter Ferenc Vida nach der Urteilsverkündung die obligate Frage an Imre Nagy richtete, ob er um Gnade bitten werde, antwortete dieser:
"Ich bitte den Hohen Volksgerichtsrat um Erlaubnis, dass ich meinen Standpunkt, das Gnadengesuch betreffend, darlegen darf. Ich meinerseits halte das Todesurteil, das das Hohe Gericht über mich verhängt hat, für ungerecht, die Urteilsbegründung für nicht ausreichend und kann deshalb das Urteil – obwohl mir klar ist, dass eine Revision keinerlei Chancen hätte – nicht annehmen.
Mein einziger Trost in dieser Situation ist der Glaube daran, dass ich früher oder später vom ungarischen Volk und der internationalen Arbeiterklasse frei gesprochen werde, von all den schwerwiegenden, auf mir lastenden Beschuldigungen, derentwegen ich mein Leben opfern muss, was ich aber auf mich nehmen muss.
Ich glaube, die Zeit wird kommen, dass in diesen Fragen unter ruhigeren Umständen, mit dem gebotenen Weitblick und in besserer Kenntnis der Tatsachen, so auch in meinem Fall, Recht gesprochen werden kann.
Ich glaube, dass ich das Opfer eines schwerwiegenden Irrtums, eines Justizirrtums bin.
Ich möchte nicht um Gnade bitten."


Das Volksgericht hatte sich nach der Urteilsverkündung bzw. nach dem Ende der Sitzung in gleicher Besetzung als "Begnadigungssenat" neu konstituiert und beschlossen, die Gnadengesuche – auch das, das der Verteidiger von Imre Nagy von Amts wegen gestellt hatte – nicht dem Präsidialrat der Volksrepublik Ungarn vorzulegen.
Damit war die Vollstreckungsklausel in Kraft.

Am 16. Juni 1958, kurz nach 5 Uhr wurden Imre Nagy, Miklós Gimes und Pál Maléter im Karzer des Budapester Zentralgefängnisses (Kisfogház in der Kozma Ferenc ú. 13) durch Erhängen hingerichtet.

Die Leichname wurden in Särge gesteckt und auf dem Gefängnishof unter die Erde gebracht.
Am 24. Februar 1961 hat man sie wieder ausgegraben, in Teerpappe gewickelt und auf dem nahe gelegenen Friedhof "Újtemetö" auf der Grabstätte 301 unter falschem Namen verscharrt.


Mit Imre Nagy starb seine Vision von einem demokratischen, von Moskau unabhängigen Sozialismus.

Nagys und Maléters letzte Worte sollen gewesen sein:

"Es lebe das sozialistische, unabhängige Ungarn!"


Am 21. März 1959 wurde, 11 Tage nach seinem achtzehnten Geburtstag, Péter Mansfeld hingerichtet.

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Im Februar 1958 entschloss sich Péter Mansfeld, gemeinsam mit einem Freund, eine bewaffnete Gruppe zu gründen. Sie verfolgte das Ziel, verhaftete Freunde zu befreien und sich an Denunzianten zu rächen. Waffen sollten durch die Entwaffnung von Polizisten und Mitgliedern der Arbeitermiliz verschafft werden. Am 17. Februar entführten die Jugendlichen einen Polizisten, der die Österreichische Botschaft bewachte. Sie entwaffneten ihn und ließen ihn danach frei. Weitere Aktionen blieben erfolglos. Am 19. Februar wurde Mansfeld verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt.
Später wurde das Urteil in die Todesstrafe umgewandelt. Diese durfte aber erst nach Erreichen der Volljährigkeit vollstreckt werden.


Am 26. August 1961 wurden die Aufständischen vom Baross-tér, als letzte der Revolution von 1956, hingerichtet.


Im Zusammenhang mit der Revolution von 1956 wurden etwa 22 000 Personen verurteilt und davon wurden 229 hingerichtet.

>>> Liste der hingerichteten Freiheitskämpfer <<<


Im Frühjahr 1989, als man nach mehrmonatiger Suche die Gräber gefunden hatte, wurde mit der Exhumierung der sterblichen Überreste Imre Nagys und seiner politischen Weggefährten begonnen, die bisher in nicht gekennzeichneten Gräbern auf dem Friedhof von Rákoskeresztúr verscharrt waren.
Die veröffentlichten Bilder der exhumierten Toten wurden in den Augen der Bevölkerung zu einer schwerwiegenden moralischen Hypothek des Kádár-Systems.


Am 16. Juni 1989, dem 31. Jahrestag ihrer Hinrichtung fand eine nationale Trauerfeier für Imre Nagy und seine politischen Weggefährten statt.
200 000 Menschen versammelten sich auf dem Heldenplatz in Budapest. Auf den Treppen der Kunsthalle standen die Särge von Imre Nagy, Staatsminister Géza Losonczy, Verteidigungsminister Pál Maléter, dem Journalisten Miklós Gimes, von Nagys Sekretär József Szilágyi und ein symbolischer Sarg für die weiteren Hinrichtungsopfer von damals.


Die Zeremonie wurde live im ungarischen Fernsehen übertragen.
Vertreter der Regierung, der Kirchen, der Opposition und des diplomatischen Korps erwiesen den Toten ihre Reverenz.
Einer der Sprecher war ein junger Studentenführer namens Viktor Orbán.
Anwesend waren auch zahlreiche Vertreter internationaler Organisationen wie der "Charta 77" und der der polnischen "Solidarność".
Mit einem Gottesdienst gedachte das ganze Land der Märtyrer von 1956.


Im Juli 1989 wurde im Zuge der Umbewertung von 1956 auch der "Strafprozess gegen Imre Nagy und seine Komplizen" neu aufgerollt.
Das Aufhebungsverfahren vor dem Obersten Gerichtshof wurde mit erheblicher Verzögerung abgeschlossen.

Am 6. Juli wurden schließlich neben Nagy auch Ferenc Donáth, Miklós Gimes, Zoltán Tildy, Pál Maléter, Sándor Kopácsi, Ferenc János, József Szilágyi und Miklós Vásárhelyi rehabilitiert.

In die Sitzung platzte die Nachricht vom Tod János Kádárs.

Die Anteilnahme am Tod Kádárs in der ungarischen Öffentlichkeit war überraschend groß. Dem in der Parteizentrale aufgebahrten ehemaligen Parteichef erwiesen etwa 60.000 Menschen die letzte Ehre.


Am 23. Oktober 1989 wurde Ungarn zur Republik und der 23. Oktober zum Nationalfeiertag erklärt.


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Verfasst am: 23.10.2008 08:35
waldi
Halbungar
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Themenersteller
Dabei seit: 22.06.2007
Beiträge: 2737
1956 Volksaufstand

Nachwort des Autors


Meine Frau, die zur Zeit des Ungarnaufstandes knapp sechs Jahre alt war, kann sich kaum noch an die Geschehnisse erinnern, weil sie damals etwas abseits vom Geschehen in Tata wohnte.
Aber da war die eine Nacht, in der sie mal zur Toilette musste. In der Küche brannte Licht. Sie hörte Stimmen und wurde neugierig. Also ging sie nachschauen, was da denn los sei. In der Küche war ihre Mutter dabei einen Berg harte Eier zu kochen.
Das war Reiseverpflegung.
Auch aus ihrer Familie flüchteten einige aus Angst vor Repressalien oder einfach nur um in Freiheit leben zu können in den Westen. Da war die Wohnung ihrer Eltern die letzte Station vor der Grenze.
Später erhielt sie Post aus England, Kanada, Südafrika und Neuseeland.
So erging es wohl vielen Ungarn.

Ich bedanke mich herzlich bei Irénkeund Kálmán, die so freundlich waren, mir mit ihrem Rat zu helfen!
Ich empfehle den Augenzeugenbericht von Irénke zu den Ereignissen von 1956:

>>> Eine nichtalltägliche Geschichte <<<


Ich habe versucht, möglichst sichere Quellen für meine Beiträge zu nutzen, aber manchmal widersprechen sich auch verschiedene Autoren.
Deshalb habe ich mich manchmal auf mein Gefühl verlassen.
Wenn ein Leser einen Fehler entdeckt, dann bitte ich um eine Mitteilung.

Da die meisten Bilder, die ich in dieser Beitragsfolge verwendet habe, bereits älter als 50 Jahre sind, gelten sie – in der Regel – als "gemeinfrei" (public domain).
Sollte trotzdem jemand seine Rechte verletzt sehen, dann möge er sich bitte mit mir in Verbindung setzen.

Email: waldi-1956(at)online[dot]ms



Meine Quellen und Links:


"Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte" von Paul Lendvai

"Die ungarische Tragödie" von Sándor Kopácsi

"Imre Nagy" eine politische Biografie von János M. Rainer

http://www.ungarn1956.de

http://www.hungary1956.com/photos.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Ungarischer_Volksaufstand

http://1956.fidesz.hu/

http://mek.oszk.hu/kiallitas/1956/index.htm

http://www.forradalom1956.freeweb.hu/

http://1956.lap.hu/#b11275128

http://www.terrorhaza.hu/

http://pestisrac.com/

>>> Bericht im rbb-Info-Radio vom 21.10.2006 zum 50sten Jahrestag des Ungarnaufstandes <<<

>>> Link zu "The 1956 Hungarian Revolution as Depicted in Newsreels" Video in Englisch <<<


Ein sehr informativer Dokumentarfilm über die Geschichte Ungarns mit dem Schwerpunkt "1956", den ich jedem Interessierten empfehlen kann:

>>> Link zum Film "Magyarország lángokban" (Kárpát film) 86min. <<<



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Verfasst am: 23.10.2008 14:23
Josef
Halbungar
Durchflieger
Dabei seit: 04.04.2006
Beiträge: 1218
Hallo Waldi!

Wohl eine der übersichtlichsten Schilderungen dieser traurigen Zeit.
Danke Waldi.

Liebe Grüße

Josef

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Verfasst am: 23.10.2008 18:21
irenkereise
Halbungar
Durchflieger
Dabei seit: 01.02.2006
Beiträge: 1278
Lieber Waldi!

Mir fehlen die Worte. Ich gratuliere Dir vom Herzen zu diesem einmaligen Bericht,
was Du an diesem schicksalhaften Tag ins Forum gesetzt hast. Du muss daran Monate lang gearbeitet haben. Die Bilder und die Recherchen sind einmalig. Es ist ein Doktorarbeit. Ich habe die Seiten mit meinem Mann zusammen durchgelesen und beide waren wir von dem Erinnerungsdokument ganz benommen. Danke, daß Du mich erwähnt hast. Ich habe Dir kaum was helfen können, Du hast hier alles alleine gemacht.

Ich hoffe, daß sehr viele aus dem Forum diese Arbeit schätzen werden!

LG

Irene
Verfasst am: 23.10.2008 19:57
pitti
Halbungar
Durchflieger
Dabei seit: 18.02.2006
Beiträge: 2098
Lieber Waldi,

vielen dank fuer diesen wirklich tollen Bericht...............

Mit lieben Gruss Pitti bingo.gifbingo.gifbingo.gif


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