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Ungarisch-ein Annäherungsversuch

Es gibt zwei sehr schwere Sprachen in Europa, die eine ist Portugiesisch und die andere ist Ungarisch.

Aber Ungarisch ist so schwer, dass nicht einmal die Portugiesen es verstehen." (Friedrich Dürrenmatt)

Nach dieser ebenso entmutigenden wie richtigen Feststellung fällt es mir schwer, überhaupt etwas Vernünftiges über diese bizarre Sprache mit ihrem rätselhaft fremden Klang und ihrer eigenartigen Melodie zu sagen.

Nun, zunächst gehört das Ungarische mit der chantischen und mansischen Sprache zur ugrischen Hauptgruppe der finnisch-ugrischen Sprachfamilie, die wiederum zusammen mit dem Nenzischen der uralischen Sprachgruppe angehört.

Das Finnische ist die dem Ungarischen am nächsten stehende europäische Sprache, aber selbst die ist so weit entfernt, dass Finnen und Ungarn sich nicht verstehen.

Allenfalls zwei Dutzend Wörter klingen ähnlich.

Das Ungarische ist eine komplizierte Geschichte; die Tücke liegt im Detail, wie schon Franz Fühmann zu berichten weiß: " ... Verwechslung von langen und kurzen Vokalen oder stimmhaften und stimmlosen Konsonanten führt oft zu fantastischen Missverständnissen. Voriges Jahr, da ich in einem Dorfkonsum Grünzeug erwerben wollte und den dazu nötigen Fragesatz lange vorher memorierte, habe ich schließlich die Verkäuferin gefragt, ob sie einen schönen grünen Arsch habe, und das nur, weil bei sonst gleichem Klang "Arsch" kurz und "Zeug" lang ausgesprochen wird.

Sie, höchstens siebzehn, schrie auf und floh, und ihr Vater erschien, und er wog drei Zentner."

Dabei ist das Ungarische phonetisch, d. h. alles wird streng so ausgesprochen, wie es geschrieben steht, es gibt kaum mundartliche Unterschiede, und selbst Endungen dürfen nicht verschluckt werden, denn gerade auf die kommt es an. Überhaupt wird im Prinzip fast alles durch Nachsilben ausgedrückt (wenn das nicht reicht, verlängert man das Wort nach vorn), die schön der Reihe nach an den Wortstamm angehängt werden und mächtige Konstrukte wie ételkülönlegességek oder Illetékteleneknek verursachen können. Aber auch ohne Endung hat die Sprache Wörter respektabler Länge zu bieten. Hódmezõvásárhelykutasipuszta z. B. ist der Name jener Eisenbahnstation, die in dem Film "Ich denke oft an Piroschka" vorkommt.

(...)

An Schimpfwörtern herrscht überhaupt kein Mangel. Eine Übersetzung der meisten davon verbietet sich an dieser Stelle aus Anstandsgründen, aber ein sanftes "hülye" (Idiot) sollte man schon in petto haben. Wer zu seinem Gegenüber "Te bunkó állat!" sagt, kann sich schon mal einen Sekundanten suchen.

Verblüffend kompakt ist die ungarische Version von "Ich liebe dich." – nämlich schlicht und ergreifend szeretlek. Nicht mehr und nicht weniger. Das "Ich" steckt im "K", das "Du" im "L" und das Verb "lieben" ist szeret.

(...)

Bei Vornamen gibt es ein interessantes Phänomen. Sobald man sich etwas kennt, werden diese durch Kurzformen ersetzt. So wird aus László Laci, aus István Pisti oder aus Katalin Kati.

Wenn man sich näher kennt, ist die Verkleinerungsform fast Pflicht.

Man hängt einfach ein "ka" bzw. "ke" an den betreffenden Kosenamen. Ferike hieße dann in etwa "Franzilein". Den i-Punkt setzt man durch eine lockere Besitzerkonstruktion wie z. B. "Ferikém", was man etwa mit "mein kleines Franzilein" übersetzen könnte. Wer nun meint, das wäre in einer so konsequenten und logischen Sprache anachronistisch, der irrt.

Es ist keineswegs unnormal, dass man auch schon nach kurzer Bekanntschaft mit angyalkám (mein Engelchen), drágám (mein Teurer) oder édeském (mein Süßchen) angeredet wird.

Die eingangs erwähnte Feststellung, dass ungarische Wörter mit denen anderer Sprachen nichts gemein haben, ist nicht ganz korrekt. Der jahrhundertelange kirchliche, türkische und Habsburger Einfluss hatte natürlich auch Auswirkungen auf die Sprache. So war lange Zeit Lateinisch die Sprache des Landtages.

Ein Ergebnis der Reformation war dann 1590 die erste ungarische Bibel. Trotz 150-jähriger Besatzung wurden nur erstaunlich wenige Wörter wie z. B. kávé (Kaffee) aus dem Türkischen übernommen.

Deutsche Lehnwörter gibt es dagegen zuhauf. Unter Joseph II. sollte das Deutsche gegen Ende des 18. Jh. sogar einmal Amtssprache werden, was jedoch am ungarischen Widerstand scheiterte.

Die meiner Meinung nach schönsten Germanismen im Ungarischen sind:

klappol - etwas klappt, funktioniert

muszáj - etwas muss sein

stimmel - etwas stimmt

trotli - Trottel

Das am weitesten verbreitete ungarischstämmige Wort ist "Hallo". Als der Erfinder Tivadar Puskás 1877 in Boston die erste Telefonzentrale konstruierte, rief er laut "Hallom!" (Ich höre!) in den Hörer, als die erste Verbindung zustande kam. Aus "Hallom" wurde dann "Hallo" und "Hello", das man heute auch in Ungarn so verwendet.


Mit freundlicher Genehmigung

des Autors Frank Strzyzewski

und des

Reise Know-How Verlages, Bielefeld

 

 

 
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